zu stehen

Begonnen von VerbOrg, 2005-06-04, 18:08:07

Vorheriges Thema - Nächstes Thema

VerbOrg

Als Mecklenburgerin in Hamburg werde ich immer wieder mit Unterschieden im Sprachgebrauch in Ost und West konfront georen.

Meine Mutter hat beispielsweise auf Ihrem Einkaufszettel im Osten "Milch, Butter, Mehl" zu stehen.

Auf meinem Einkaufszettel in Hamburg haben ich "Mineralwasser, Brot, Käse" zu stehen.

Diejenigen meiner Kolleginnen, die aus den neuen Bundesländern kommen, haben auf ihren Schreibtischen Sozialgesetzbücher zu liegen, während die anderen Ihre Gesetzbücher einfach nur auf dem Tisch liegen haben (ohne zu).

Was ist denn nun richtig?
Sind beide Formulierungen gleichberechtigt?
Gibt es pausible Argumente für oder gegen das "zu"?

versucher

Also, pausible fallen mir keine ein, plausible auch nicht. Ich hab das noch nie gehoren. Interessiert mich aber schon lange, diese Sache mit dem haben+Infinitiv: Ich habe das hier liegen.

caru

schriftsprachlich scheint es nicht zu sein. allerdings meine ich schon mal, vermutlich in irgendeinem roman älteren, viel älteren datums gesehen zu haben "er hat soundsoviel taler bei der und jener bank zu stehen". (soll heißen, die liegen auf seinem konto dort.)

ich hab einen haufen wörterbücher unterm schreibtisch liegen, einen liter milch im kühlschrank stehen, einen plüsch-elefanten auf der couch sitzen. das "zu" dünkt mich (mit allen meinen landsleuten) exotisch.
(\___/)
(>´x´<)
('.')__('.')

Nijntje - de echte nederlandse konijn

VerbOrg

Das ist ja gerade des Merkwürdige.
Ich habe mir hier in Hamburg dieses "zu" in mühevoller Kleinarbeit abgewohnen, nachdem mich ein Kollege mal frug, was denn dieses "zu" zu bedeuten habe.
Wenn ich aber zu meiner Familie nach Mecklenburg fahre, werde ich schief angesehen, wenn ich nicht daran denke, es dort wieder einzubauen.
Gestern hor ich dieses "zu stehen" dann hier in HH von einer Kollegin, die ursprünglich aus Brandenburg kommt.
Es scheint also nicht nur in meinem kleinen mecklenburgischen Heimatstädtchen verbritten zu sein, sondern weitere Kreise zu ziehen.

MrMagoo

Also meine Tante wohnt seit über 15 Jahren in Berlin und sie benutzt diese "zu-Konstruktion" zu meiner Verwunderung wirklich ständig...
Jetzt wo Du es erwähntest, VerbOrg, fällt's mir wieder ein - mich würde auch mal interessieren, woher dieses "zu" kommt.


Ein weiteres überflüssiges Wort in einer Konstruktion, die ich selbst übrigens andauernd benutze, ist "mir" in Sätzen wie

"Ich esse mir noch schnell ein Butterbrot"
oder
"Ich trinke mir erstmal eine Cola".

Ich wurde schon öfter mal darauf angesprochen, aber mir ist nie bewußt gewesen, daß ich das tatsächlich so häufig benutze. Weiß zufällig jemand, woher das kommt - oder sagt irgendwer von euch das zufällig auch?! :D
Wâ mag ich mich nu vinden? wâ mac ich mich nu suochen, wâ? nu bin ich hie und bin ouch dâ und enbin doch weder dâ noch hie. wer wart ouch sus verirret ie? wer wart ie sus zerteilet mê?
(Gottfried von Straßburg)

VerbOrg

Diese "mir"-Konstruktion kenne ich nun überhaupt nicht.

Aber war mir in letzter Zeit immer wieder aufgefallen ist, ist, dass ich mir z.B. eine Stulle much habe, und da drauf kam dann Wurst. (Dass ich mir hin und wieder eine Stulle mache, ist dabei nicht so bemerkenswert)

Das "da" ist hier auch absolut redundant, schließlich ist es in drauf (=darauf) ja auch schon enthalten.
Liegt's an der Auslassung des "a"s?

amarillo

#6
Klar, im Ruhrgebiet (und am Niederrhein auch) sind diese Sachen ebenfalls reflexiv. Erst trinken wir uns ein Bierchen, und dann essen wir uns noch eine Wurst - ganz normal, aber völlig überflüssig. (Das "uns", nicht Bier und Wurst!)
Das Leben strebt mit Urgewalt nach Entstehung und Musik.

VerbOrg

Ich sug doch immer, dass Bierchen völlig überflüssig ist. ;D

gehabt gehabt

Ich habe schon seit Jahrenden versucht, der Family beizubringen, dass brauchen mit zu benutzt wird ("das brauchst du mir nicht sagen"). Aber alle Dressurversuche waren bislang vergebens. Gebraucht der McPommer es wenigsten richtig?

VerbOrg

gehabt gehabt, so was brauchst du mich nicht fragen. :D

Da mir selbst der Schnabel so gewachsen ist, dass ich brauchen meist ohne zu verwandte, gehe ich mal davon aus, dass das ein generelles "Sprachverbrechen" zumindest in meiner alten Heimat ist.
Schließlich wächst einem Kind der Schnabel meist so, wie die Großen was vorplappern.

Noch immer zeugt meine permanent wund gebissene Zunge davon, dass ich mich dabei ertappe, das "zu" zu ignorieren. Immerhin merk' ich's mittlerweile.
Ich werde aber mal versuchen, genauer darauf zu achten, wer das mit dem "brauchen" wie in den Mund nimmt...

MrMagoo

Zitat von: gehabt gehabt in 2005-06-05, 08:20:11
Ich habe schon seit Jahrenden versucht, der Family beizubringen, dass brauchen mit zu benutzt wird ("das brauchst du mir nicht sagen"). Aber alle Dressurversuche waren bislang vergebens. Gebraucht der McPommer es wenigsten richtig?


Bei "brauchen" hat das Weglassen des Zus (<-- das ist doch der Genitiv des substantivisch gebrauchten "zu"??) aber ganz andere Gründe.

Ich hab noch nichts über das zu in "zu stehen" usw. finden können, ihr?
Wâ mag ich mich nu vinden? wâ mac ich mich nu suochen, wâ? nu bin ich hie und bin ouch dâ und enbin doch weder dâ noch hie. wer wart ouch sus verirret ie? wer wart ie sus zerteilet mê?
(Gottfried von Straßburg)

Kilian

Ich habe finden können, dass ich es zum ersten Mal höre und dass es mich verwirrt! ;D Weil nämlich, ich denke dann immer an "Das hat da (gefälligst) zu liegen." Ist aber nicht unhübsch, Bücher auf dem Tisch zu liegen zu haben... Das Rhein-Ruhr-mir kannte ich bislang nur von einem Freund, der ein großer Genießer ist und es in Verdeftigungsabsicht benutzt, wenn er in kulinarischen Zukunftsplänen schwelgt: "Wenn ich gleich zu Hause bin, ess ich mir erstmal ein schöönes Schnitzel mit lecker Sauce!" :)

caru

hoffentlich kommt ihn das dann nicht teuer zu stehen.
(\___/)
(>´x´<)
('.')__('.')

Nijntje - de echte nederlandse konijn

Ly

Zitat von: gehabt gehabt in 2005-06-05, 08:20:11
Ich habe schon seit Jahrenden versucht, der Family beizubringen, dass brauchen mit zu benutzt wird ("das brauchst du mir nicht sagen"). Aber alle Dressurversuche waren bislang vergebens. Gebraucht der McPommer es wenigsten richtig?

Ist das eine Regel? Ich verwende das zu nach dem Zufallsprinzip ;D
It isn't always how you look. Look at me. I'm handsome like anything, and I haven't got anybody to marry me yet.

VerbOrg

Eigentlich gibt es schon die Regel, dass brauchen mit zu verwandt wird. Allerdings wird das nicht immer so praktiz georen.