Gesellschaft zur Stärkung der Verben

Öffentliche Bretter => Sprache => Thema gestartet von: Kilian in 2005-05-02, 17:11:27

Titel: -ung
Beitrag von: Kilian in 2005-05-02, 17:11:27
Die Nachsilbe -ung macht Verben zu Substantiven, zumindest solange, bis wir im Faden "Stärkung der Nomen" eine andere Bildung... Verzeihung, eine andere Bald erfunden haben.

Wie sie das tut, ist unterschiedlich:

1) Eine X-ung ist der Vorgang des X-ens: Zubereitung, Vermessung, Bildung, Erweckung...

2) Selten: Eine X-ung ist etwas, das x-t: Heizung

3) Eine X-ung ist das Ergebnis des X-ens: Abteilung, neuerdings auch kontrovers: Zubereitung ("Eine gesunde Frischkäsezubereitung mit köstlichen Früchten"), Bildung ("gelingsicher ist eine typische Adjektiv-Bildung")

Ist eine so vieltalentorene Nachsilbe begrüßenswert, oder sollte man im Interesse der Eindut zumindest für 3) eine andere Nachsilbe einführen?
Titel: Re:-ung
Beitrag von: Kilian in 2005-05-02, 17:29:09
Noch ein Beispiel für eine wandelwertige -ung: Eine Erregegung (1) öffentlichen Ärgernisses kann eine sexuelle Erregung (3) herstellen.
Titel: Re:-ung
Beitrag von: caru in 2005-05-02, 20:17:54
uns allen bekannt ist der straftatbestand "öffentliche erregung der staatsgewalt" ;D






P.S. dies ist ein witz, klingt aber so österreichisch-amtsdeutsch, als könnte es das bei uns tatsächlich geben  ;D



Titel: Re:-ung
Beitrag von: VerbOrg in 2005-05-02, 20:23:12
Versteh' ich jetzt nicht ganz:
Wer macht sich denn da strafbar? Die Staatsgewalt?
Selbst (und gerade) die sollte doch ihre Erregung nicht unbedingt in aller Öffentlichkeit zur Schau stellen!
Ein Skandal!
Titel: Re:-ung
Beitrag von: Ku in 2005-05-02, 20:34:00
Erregegung?
öffentliche Erregung der Staatsgewalt?

kenn ich alles nicht.

Wie wärs mit Errag?
Titel: Re:-ung
Beitrag von: gehabt gehabt in 2005-05-02, 22:37:02
Zitat von: Kilian in 2005-05-02, 17:11:27
Die Nachsilbe -ung macht Verben zu Substantiven, zumindest solange, bis wir im Faden "Stärkung der Nomen" eine andere Bildung... Verzeihung, eine andere Bald erfunden haben.

Wie sie das tut, ist unterschiedlich:

1) Eine X-ung ist der Vorgang des X-ens: Zubereitung, Vermessung, Bildung, Erweckung...

2) Selten: Eine X-ung ist etwas, das x-t: Heizung

3) Eine X-ung ist das Ergebnis des X-ens: Abteilung, neuerdings auch kontrovers: Zubereitung ("Eine gesunde Frischkäsezubereitung mit köstlichen Früchten"), Bildung ("gelingsicher ist eine typische Adjektiv-Bildung")

Ist eine so vieltalentorene Nachsilbe begrüßenswert, oder sollte man im Interesse der Eindut zumindest für 3) eine andere Nachsilbe einführen?
Wobei wir wieder beim Genitivus Objektivus und Subjektivus waeren. Bsp: Eine Durchsuchung der Staatsanwaltschaft endete mit mehreren Festnahmen.
Titel: Re:-ung
Beitrag von: Kilian in 2005-05-03, 00:54:15
Der Unterschied zwischen subiectivus und obiectivus ist aber nicht das, was ich meinte. Ob die Staatsanwaltschaft durchsucht oder durchsucht wird - in beiden Fällen wäre dies die Durchsuchung als Vorgang des Durchsuchens (Fall 1).
Titel: Re:-ung
Beitrag von: versucher in 2005-05-03, 13:57:09
Es wäre mir wöhler, wenn wir statt der Grammatik den Gebrauch entscheiden ließen. Wir schreiben munter drauflos, und wenn wir sehen, dass eine Ungung stört, denken wir uns einen Wandelwart dafür aus. Ist doch besser als dekretieren?
Titel: Re:-ung
Beitrag von: Kilian in 2005-05-03, 15:07:36
Dekretoren wird sowieso gar nix, das dekretiere ich hiermit! Ich wollte nur die eventuelle Erfindung einer anderen Nachsilbe anregen, auf die man bei Bedarf zurückgreifen kann.

Also z.B. die Zubereitung für den Vorgang, das Zubereitat für das fertige Produkt.

Wenn ich's mir recht überlege, könnte man hier aber auch auf deine Idee mit dem Partizip II zurückgreifen (irgendwo nebenan):

die Zubereitung für den Vorgang, die Zuberittenung für das fertige Produkt.
Titel: Re:-ung
Beitrag von: Ku in 2005-05-03, 17:28:40
oder der Zuberaut für das fertige Produkt?
Titel: Re:-ung
Beitrag von: Kilian in 2005-05-03, 17:38:52
Das klingt sehr gut, fürwahr.
Titel: Re:-ung
Beitrag von: VerbOrg in 2005-05-03, 18:05:31
Viele "-ungen" werden auch gebolden, obwohl sie überhaupt nicht notwendig sind.

Beispielsweise las ich vor kurzem das Wort "Variierung". M.E. steht bereits "Variation" nicht nur für das Ergebnis des Variierens, sondern auch für den Vorgang selbst.
Deutlicher ist mir durch die *Substantivation* des Wortes variieren auch nicht geworden, dass tatsächlich der Vorgang gemienen ist.

Man stelle sich vor, ein Konzert endet mit stehenden Ovierungen des Publikums.
Da krempeln sich mir ja die Fußnägel nach innen!

Im Umkehrschluss aber eine der "-ungen" generell durch eine "-ation" zu ersetzen, fände ich allerdings auch ein wenig befremdlich.
Man stelle sich Wortungetüme wie die Schulbaldation vor.
Titel: Re:-ung
Beitrag von: amarillo in 2005-05-03, 19:34:14
Ich werfe mal ein lockeres -(a)tur in die Runde, hat mir schon immer gut gefallen.

reparieren --> Reparatur

kunjungieren --> Konjunktur

Gipsornamente anbrigen --> Stukkatur
Titel: Re:-ung
Beitrag von: VerbOrg in 2005-05-03, 19:36:07
(sich) bilden => Baldur?

Muss ja ein gewitztes Kerlchen sein.
Titel: Re:-ung
Beitrag von: amarillo in 2005-05-03, 19:54:06
Genau, und: fln --> Flur

Ich glaube wir verlassen schon wieder den Boden ernsthafter Diskussion.

Wenn wir mal annehmen, daß zumindest die Verben auf -ieren durch (a)tur substantivoren werden können (was noch längst nicht alle tun), dann ließen sich doch prima neue Bedeutungen schaffen.

diktieren --> Diktat --> Diktatur (pfui)

dirigieren --> Dirigat --> Dirigatur (vielleicht das Werk eines abscheulich autoritären Orchesterleiters?)

Muß naturlich kein negatives Konnotat beinhalten, an einer Frisur ist ja zunächst auch noch nix auszusetzen.

artieren <-- Artist <-- Artur    Man kann also auch Verben rückzüchten.
Titel: Re:-ung
Beitrag von: VerbOrg in 2005-05-03, 20:00:10
Zitatdiktieren --> Diktat --> Diktatur (pfui)
Aber "Diktatur" kommt doch wirklich von diktieren, oder sehe ich das jetzt falsch?
Der Diktator ist doch jemand, der Anderen seinen (und dann auch ihren) Willen aufdiktiert.

Am "Diktat" sollte man allerdings nicht mehr rumpfuschen. Schließlich ist das ein schönes knackiges Wort, dem man nicht die suffixlose Stärke klauen sollte.
Titel: Re:-ung
Beitrag von: amarillo in 2005-05-03, 20:10:11
Vollkommen meine Meinung; was schon besteht, lassen wir fein an Ort und Stelle.

signieren --> Signat (?) --> Signatur (kennen wir)

palpieren --> Palpat (?) --> Palpatur (?)

kastrieren --> Kastrat (bekannt) --> Kastratur (?) --> Kastration (bekannt, aua)

Nach einem solchen (oder ähnlichen) Schema ließen sich doch leicht die Leerstellen (?) herausprokeln und mit Inhalt versehen (falls nötig)

Über -(a)tur hinaus bieten sich ja auch noch -lei und das gallische -age an, womit ich nicht sagen will, daß die Liste denkbarer Suffixe zur Nomenbildung damit erschopfen sein soll.
Titel: Re:-ung
Beitrag von: Kilian in 2005-05-03, 20:10:27
-at ist strenggenommen auch ein Suffix. Es kommt von der lateinischen Partizip-II-Endung -tum bei Verben der a-Konjugation wie z.B. bei desideratum (das ersehnte) -> Desiderat.

Entsprechend wurde zu destillieren das Wort Destillat gebildet, dass das Ergebnis des Destillationsprozesses bezeichnet. -at wäre also die perfekte Endung für die Ergebnisse, aber ich dachte, es klänge vielleicht etwas zu fremd für nicht-lateinischstämmige Verben.
Titel: Re:-ung
Beitrag von: amarillo in 2005-05-03, 20:23:08
I wo, klingt doch super, wie Latein schon ausdrückt.

schmieren --> Schmat (das),  
"Schmiererei" stünde also für den Vorgang, das Schmat für das Endprodukt?

Schmatur - eine Chance?
Titel: Re:-ung
Beitrag von: VerbOrg in 2005-05-03, 20:30:52
Da wir für schmieren ja schon die schmierige Präteritums-Form "schmar" haben, könnte man das, was dabei herauskommt, wenn man etwas schmar auch kurz und knackig (oder "short and pregnant", wie meine Wirtschaftsenglisch-Lehrerin zu sagen pflegte) "Schmar"(, die) nennen.
Klingt in meinen Ohren passender als "Schmat".
"Schmat" hört sich an, als hätte man irgendwo rumgeschmattert (oder gegatscht), also eher in einer Pampe rumgerührt als diese verschmoren.
Titel: Re:-ung
Beitrag von: Kilian in 2005-05-03, 20:40:13
-at kann man ja immer dann einsetzen, wenn einem nix Individuelleres einfällt. Bei schmieren finde ich nämlich auch Schmat besser.

Ich erinnere mich übrigens, schon in ganz früher Jugend mal das Wort Ribbelat erfunden zu haben - für das, was übrigbleibt, wenn man etwas Gehäkeltes aufribbelt.
Titel: Re:-ung
Beitrag von: amarillo in 2005-05-03, 20:48:41
Zitat von: VerbOrg in 2005-05-03, 20:30:52
"Schmat" hört sich an, als hätte man irgendwo rumgeschmattert (oder gegatscht), also eher in einer Pampe rumgerührt als diese verschmoren.

Was bitte ist "schmattern" und "gatschen"?

Ist das vielleicht meine erste Lektion Sächsisch für Wessies? ;D
Titel: Re:-ung
Beitrag von: VerbOrg in 2005-05-03, 20:52:58
Das erklur ich doch schon. Schmattern oder gatschen ist, wenn man in einer Pampe rumrührt. (Hab' ich als Kind immer gemacht, wenn ich Sandburgen gebauen habe)
Da es mir als Mecklenburgerin schon seit jeher geläufig ist, gehe ich nicht davon aus, dass es aus dem sächsischen Sprachraum kommt. Würde es eher im Norden einnorden. Ich kann mich da allerdings auch irren.
Titel: Re:-ung
Beitrag von: amarillo in 2005-05-03, 20:54:56
Klingen auf jeden Fall prima, man hört die Pampe förmlich.
Titel: Re:-ung
Beitrag von: caru in 2005-05-03, 22:16:37
gatschen kann man auch in österreich. aber das verb ist nicht so häufig, im gegensatz zum dazugehörigen substantiv.

denn wenns regnet, wird ein österreichischer feldweg zu reinem gatsch (morast).

angeblich soll das von cacio abgeleitet sein, dem älteren italienischen wort für käse. der war wohl auch so gatschig. (also eher frischkäse, nicht parmesan oder provolone.)
Titel: Re:-ung
Beitrag von: VerbOrg in 2005-05-04, 06:18:03
Zitat von: caru in 2005-05-03, 22:16:37denn wenns regnet, wird ein österreichischer feldweg zu reinem gatsch (morast).
Als Substantiv war mir das auch geläufig. Interessant, dass Wörter, die man sowohl in Norddeutschland als auch in Österreicht kennt, irgendwo dazwischen verloren gegangen sind.
Duden und Wahrig kennen den Begriff überhaupt nicht. Er scheint also arg umgangssprachlich zu sein.
Na ja, aber dank der GSV weiß man ja jetzt, wie das heißt, wenn man in Moddergatsche rumschmattert. :)
Titel: Re:-ung
Beitrag von: amarillo in 2005-05-04, 08:21:46
Es schmortten knietief in der Gatsche
der Wandrer und sein Dackel "Peer".
Dem Manne fiel das Laufen schwer,
der Hund saß wirklich in der Patsche.
Titel: Re:-ung
Beitrag von: versucher in 2005-05-04, 14:20:27
Das richtige Wort für Frischkäsezubereitung ist also Gatsch, da muss man gar nix mehr finden.
Verben rückzüchten ist eine edle und wichtige Sache (ich sprach woanders schon mal davon: wiefen, witzen etc.), es gibt auch einige Substantive, die kein Verb haben, z. B. Arroganz. Jemand Arrogantes arrogiert oder arrogt o. ä.
"Die Prinzessin arrog den Frosch und wand ihn." (oder Kausativ wandete?)