Gesellschaft zur Stärkung der Verben

Öffentliche Bretter => Späße => Thema gestartet von: amarillo am 2005-04-21, 13:32:10

Titel: Geschwalle
Beitrag von: amarillo am 2005-04-21, 13:32:10
Musik aus Venezuela in Berlin: Schwofen mit Bewußtsein?
jW sprach mit Piki Figueroa, Sänger und Texter der venezolanischen Band Sontizón
Interview: Dario Azzellini - 29.07.2004

* Sontizón entstand 1999 im Armenviertel »El Valle« in der venezolanischen Hauptstadt Caracas. Mit Blechbläsern und dem Einsatz von Rhythmusinstrumenten vermischt Sontizón afrokaribische Musikstile mit modernen Genres wie HipHop, Reggae und Ska.

F: Welche Botschaft wollen Sie mit Ihrer Kunst vermitteln?

Wir wollen afrokaribische Rhythmen wieder hervorholen und sie respektvoll mit den Musikstilen vermischen, die in den Städten entstanden sind. Wir wollen mit Freude und Spaß kommunizieren, wir wollen mit unserer Musik erzählen, daß es in unserem Land eine bolivarianische Revolution gibt und wir glücklich sind, ein Teil davon zu sein.

F: Sie verstehen Ihre Musik also explizit als politische Ausdrucksform?

Wir bieten partizipative Poesie und aktive Musik, provozieren Diskussionen, hinterfragen und regen zum Hintergfragen an. Unsere Mission ist es, die Botschaft der bolivarianischen Revolution zu verbreiten. Wir sind uns bewußt, daß wir den Kampf nicht radikal führen können, solange wir isoliert sind. Deshalb reisen wir durch die Welt, um uns mit den Menschen zusammenzuschließen und Verbindungen zu sozialen, politischen und kulturellen Bewegungen aufzubauen.

F: Was muß politische Musik in Ihren Augen leisten?

Sie muß zum Nachdenken animieren und andere Bilder der Realität liefern. Unsere Konzerte sind eine Party mit Bewußtsein.

F: Wie kommt Ihre Musik in Deutschland an?

Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich, aber wir sind immer freundlich aufgenommen worden. Zu Konzertbeginn haben uns die Leute nur zugehört, ohne zu tanzen. Danach nahmen sie die Musik in sich auf, und die Party konnte losgehen.

F: Wie hat sich die Kulturpolitik seit Beginn der bolivarianischen Revolution gewandelt?

Vorher wurde lediglich ein kleiner Sektor begünstigt, jetzt hat sie sich den Bedürfnissen der gesamten Bevölkerung geöffnet, vom Akademiker bis zum Bewohner der Armenviertel.

F: Wie wird nach Ihrer Einschätzug das anstehende Referendum gegen Präsident Hugo Chávez ausgehen?

Chávez wird gewinnen. Alle werden nein zur Vergangenheit sagen, und es wird zu einer radikalen Vertiefung der bolivarianischen Revolution kommen.

Titel: Re:Geschwalle
Beitrag von: gehabt gehabt am 2005-04-21, 15:04:33
Noch ein Geschwalle Beispiel: aus der Besprechung von T. Wirtz des Buches "Bekenntnisse eines Buergers" von S. Maray:

Die "Bekenntnisse" sind von einer Wahrhaftigkeit, die das Leiden bis zum Kippmoment unerträglicher Intensität vorantreibt.

Das leiden treibt die Wahrhaftigkeit

oder die Wahrhaftigkeit treibt das Leiden?

Der Kippmoment oder das Kippmoment?

Wer mir erklaeren kann, was ein Kippmoment unertraeglicher Intensitaet ist, wird in mein Abendgebet eingeschlossen.

Dieser Unsinn wurde auch noch auf dem Klappentext des og Buches abgedruckt.
Titel: Re:Geschwalle
Beitrag von: Arnymenos am 2005-04-22, 11:33:27
Mit oberlehrerischer Nachsichtigkeit, gleichwohl aber auch dem Belehrungsversuche, diese Sentenz oben genannten und zitierten Bucheinbandes zu einer abschließenden Analyse und Erklärung, mitunter der Vermeidung weiteren Auftretens neuer Deutungsprobleme und anderer verständniserschwerender Faktoren, ...

Ich muss weg.
Titel: Re:Geschwalle
Beitrag von: versucher am 2005-04-22, 13:44:46
Klappentexte sind sowieso haarsträubend. Erzählen einem das Blaue vom Himmel (kein Wort davon im Buch), und das in einer Sprache... Erstaunlich ist dabei, dass man Klappentexte sofort erkennt, sie haben irgendwie einen eigenen Ton herausgebolden, es scheint eine Intertextualität der Klappentexte zu geben, um es mal ein wenig klappendeutsch zu sagen. Man sollte sich mal die Mühe machen und ein Buch nach seinem Klappentext schreiben. Es müsste was wie Flüsterpost oder Hin- und Herübersetzen ergeben.
Titel: Re:Geschwalle
Beitrag von: Kilian am 2005-04-27, 20:22:38
So schwallt Acer (http://www.acer.de/acereuro/page3.do?dau7.oid=80&UserCtxParam=0&GroupCtxParam=0&dctx1=9&ctx1=DE&crc=2014409927):
"Angewandte Leidenschaft"
"Innovative Verbesserung der Ultra-Portabilität"
Und, unübertroffen:
"Die Brillanz der Innovation als Ihre Inspiration"
Titel: Re:Geschwalle
Beitrag von: gehabt gehabt am 2005-04-28, 09:10:09
Es gibt ja bekanntlich die reine und die angewandte Mathematik. Von ihren jeweiligen Vertretern, wird die jeweils andere Sparte als die abgewandte und die unreine Mathematik bezeichnet.

Angewandte Leidenschaft finde ich gar nicht so uebel.
Titel: Re:Geschwalle
Beitrag von: Kilian am 2005-04-28, 10:01:46
Nur als Spruch zu einem Notebook hat's mich... nun ja, verbloffen. ;)
Titel: Re:Geschwalle
Beitrag von: gehabt gehabt am 2005-04-28, 11:28:34
Das spricht fuer dich. Aber es soll Leute geben (im amerikanischen nennt man solche "Nerds"), die alle ihre Leidenschaft auf  Hardware ( gibts dafuer eigentlich ein deutsches Wort???) und Software richten anstatt auf Leute.

Ich interpretiers so, dass Acer solche leute beschaeftigt, die anstelle Nutzloser sozialer Kontakte ihre Hormane darauf verschwenden, Acer Produkte zu verbessern.
Titel: Re:Geschwalle
Beitrag von: Kilian am 2005-04-28, 12:01:07
Jepp, das leuchtet ein. Für Hardware fällt mir EDV-Geräte ein. Ich finde, das klingt noch nicht mal gestolzen.
Titel: Re:Geschwalle
Beitrag von: Arnymenos am 2005-04-28, 13:32:30
Unter einem EDV-Gerät verstünde ich nur ein komplett funktionsfähiges einschließlich aller Komponenten. Und Hardware ist für mich der Oberbegriff für {Festplatte, Laufwerke, ...}. Nun sind Bezeichnung für das Ganze und Oberbegriff nicht ein und das selbe.

Wie wär's mit Rechnerbaustein, as opposed to Rechenvorschriften?
Titel: Re:Geschwalle
Beitrag von: amarillo am 2005-04-28, 13:57:47
Hartware und Weichware; mir reicht das völlig.
Titel: Re:Geschwalle
Beitrag von: Kilian am 2005-04-28, 14:49:08
Unter Rechnerbaustein verstünde nun wiederum ich nur ein solches Gerät, das zum Einbau in die Zentraleinheit gedacht ist - also ein Diskettenlaufwerk oder eine Netzwerkkarte, aber keinen Monitor, keinen Drucker.
Titel: Re:Geschwalle
Beitrag von: gehabt gehabt am 2005-04-28, 15:05:03
wie waers mit (Rechner-) Geraetschaften

oder

Rechnergegenstaenden

oder

Rechnerwaren     analog zu Haushaltswaren oder Eisenwaren

Hardware heisst im Englischen ja eigentlich so etwas wie Eisenwaren
Titel: Re:Geschwalle
Beitrag von: versucher am 2005-04-28, 15:34:23
In der Fernsehwerbung hor ich neulich:
"Gelatine gelingsicher verwenden"
Schließt das nun auf originelle Weise eine Lücke oder ist das nur dämlich?
Titel: Re:Geschwalle
Beitrag von: Kilian am 2005-04-28, 18:54:56
gelingsicher ist eine für die Werbesprache typische Adjektiv-Bildung mit einem Verb, von Sprachkritikern m.W. oft angeprangert. Völlig zu Unrecht angeprangert, wie ich finde: Diese Wörter nutzen die gerade der deutschen Sprache eigene und so nützliche Möglichkeit, viel Bedeutung auf wenig Raum unterzubringen, und neigen überdies dazu, recht eindeutig, präzise und verständlich zu sein.
Titel: Re:Geschwalle
Beitrag von: Arnymenos am 2005-05-03, 09:40:11
Solange sie verstehsicher sind...
Titel: Re:Geschwalle
Beitrag von: amarillo am 2005-11-13, 12:33:02
"Wenn ein Crémant wirklich sehr gut gemacht ist, kann die Qualität ein sehr hohes Niveau erreichen;..."


Titel: Re:Geschwalle
Beitrag von: Günter Gans am 2005-11-20, 19:15:42
Ein Projektleiter Design bei Mercedes-Benz:

"Wie kann ich so einen großen Innenraum möglichst breathend, atmend, aber auch elegant und kraftvoll erscheinen lassen?"

Unübertroffen im Geschwalle ist ja die Modebranche. Ich mien, es gab mal eine für besonders dämliches Denglisch preisgekronene Urß von Jil Sander. Ah, kurz gegooolgen, da ist sie schon, gepriesen mit dem Sprachschuster des Jahres 1997:

"Ich habe vielleicht etwas Weltverbesserndes. Mein Leben ist eine giving-story. Ich habe verstanden, daß daß man contemporary sein muß, das future-Denken haben muß. Meine Idee war, die hand-tailored-Geschichte mit neuen Technologien zu verbinden. Und für den Erfolg war mein coordinated concept entscheidend, die Idee, daß man viele Teile einer collection miteinander combinen kann. Aber die audience hat das alles von Anfang an auch supported. Der problembewußte Mensch von heute kann diese Sachen, diese refined Qualitäten mit spirit eben auch appreciaten. Allerdings geht unser voice auch auf bestimmte Zielgruppen. Wer Ladyisches will, searcht nicht bei Jil Sander. Man muß Sinn haben für das effortless, das magic meines Stils." (im Magazin der FAZ, 1996)

Das ist wirklich der Upper Hammer.



Titel: Re:Geschwalle
Beitrag von: J** am 2005-11-20, 22:58:48
ach du shit... (=
das ist ja wirklich hardly zu bearen!
Titel: Re:Geschwalle
Beitrag von: Günter Gans am 2005-11-27, 10:18:22
Mal wieder Denglisch: Vorvorgestern ssandte das SWR-Fernsehen eine einstündige Kulturdokumentation au. Titel: "Wer rettet die deutsche Sprache?", recht unterhaltsam, mit Schwerpunkt auf der Denglisch-Pest. Nachzulesen  hier (http://www.swr.de/kulturdoku/archiv/2005/11/24/printbeitrag1.html).

Zitoren wurde Prof. Walter Krämer, der Gründer des Vereins deutsche Sprache (http://www.vds-ev.de), mit ein paar gans witzigen Eindeustchen für Denglisch, die ich euch nicht vorenthalten möchte:

World = zeitgemäßer Ausdruck für das altmittelhochdeutsche "Welt" (World of Fashion, World of Music etc.)
Womanizer = Notizbuch für Heiratsschwindler
Life Sciences = Gegenteil von Death Sciences
Cashflow = Geldfluss (Fluss, wo die cash cow trinkt)
Background = Backgrund, besonders stabiler Tortenboden
VIPs = Very Impotent Persons, werden auch gerne zum Schutz vor dem Spott der Menge in VIP Lounges gehalten
Celebrities = Celebritis, rätselhafte Krankheit von Leuten, die zuviel in Talkshows auftreten

Der Verein deutscher Sprache nennt seine Heimatseite übrigens "Leitseite", und ein Knupf (Link) ist dort ein "Schnellsprung". Da halte ich unsere Schupfe aber für feiner!

Titel: Re:Geschwalle
Beitrag von: amarillo am 2006-09-16, 23:15:31
"Wir verstehen unsere Wohnung als eine Art Konzeptraum; die unterschiedlichen Abschnitte haben wir dynamischen Nutzungsprofilen zugeführt."

So (oder so ähnlich) habe ich das gestern mitbekommen, als sich zwei nicht mehr ganz junge 'Kreative' gegenseitig Griffe an die Hemden gelabert haben.

Das obige Problem kenne ich auch; wenn Du sturzbetrunken heimkehrst, und Dein liebes Eheweib Dich zum Vermied größerer Sauereien einstweilen in der Badewanne einquartiert.
Kann man doch auch so sagen - oder? Ist doch menschlich voll korrekt. :D
Titel: Re: Geschwalle
Beitrag von: Günter Gans am 2007-07-19, 22:30:13
"Leichter Aspik vermittelt ein ganz besonderes Mouthfeeling." (aus irgendeiner Kochsendung)

Offenbar Küchenneutsch, äh, nee, Küchendenglisch. Aber hier wird ja kräftig gesülzt, dann passt's doch her.
Titel: Re: Schland jetzt auf DVD
Beitrag von: Matthias Hagedorn am 2007-12-09, 18:58:13
Nach den Ausstellungen in der Produzentengalerie "Der Bogen" in Arnsberg, der Galerie co/10 in Düsseldorf und bei Kultur Ruhr in Essen, Aufführungen bei den Literaturtagen in Wuppertal und auf den Hörspieltagen im Literarischen Colloquium in Berlin ist das Multimediaprojekt »Schland« nun digitally remastered auf DVD erhältlich.

»Schland« ist der Versuch, den Blick gleichsam zu konservieren und mit der Kraft der Vergewisserung die Seele des Augenblicks festzuhalten. Diese multimediale Arbeit beschreibt einen akustischen Raum in einem räumlichen Behältnis, dem ,,neuen" DeutSchland, einem fiktiven Staat, tiefste Provinz. Schland folgt dem poetischen Kernsatz: ,,Nur die Fiktion ist noch wirklich, weil die Wirklichkeit durch mannigfaltige Wahrheiten verunstaltet wurde." Schland ist nicht nur ein Acker in Herdringen, auf dem Milchproduzenten umherlaufen, Schland ist überall. Es geht (ganz im Sinne Poes: ,,Man sieht es und sieht doch hindurch") um den Blick, das Sehen, die Kurzsichtigkeit. Peter Meilchen geht mit seiner Kamera so dicht an die Dinge dieser Welt heran, daß diese ihren Anspruch aufgeben, Dinge dieser Welt zu sein – und zum Bild werden können. Sein 'Sehen' ist kein Begaffen, sondern existenziell vollzogen.

Weil die Grenzen der Sprache zugleich die Grenzen der Welt sind, betrifft die meisten Menschen nur die Welt der Mitteilbarkeit und ihr gemeinsames Symbolsystem, Peter Meilchens Welt hat andere Grenzen, in ihr können Bilder vorkommen, die sich selbst bedeuten. Keineswegs ist die Welt also nur alles, was der Fall ist, der Künstler kann es so zeigen, daß sie uns auf fremde Weise vertraut vorkommt.

Im Gegensatz zum oft beliebigen High–Tech–Bilderschaschlik wurde das Ausgangsmaterial von Schland mit einem scheinbar antiquierten Bildträger gedreht: Super 8 S/W–Material. Mit seiner Hinwendung zum Zelloloid formuliert Peter Meilchen das Bedürfnis der Rückkehr zu einem Nullpunkt alles Bildnerischen. Die Urbilder verkörpern die geistige Welt des Neuanfangs, gleichzeitig die Auflösung alles Figürlichen. Die Nachbearbeitung mit Tipp–Ex, Tinte, Farbstiften und das partielle Zerkratzen der Filmoberfläche kommentiert und verfremdet den Film zugleich. Sein Material wirkt frisch und vital in der Verbindung der Fotografie mit der Malerei.

Weit weg davon, ein Fotorealist zu sein, befragt er die Realität der heutigen Bildwelten. Der bewegte Körper wird in seinen Bildern zur signifikanten Form ohne jede Alternative. Und damit gelingt Peter Meilchen die Verklärung des Gewöhnlichen, denn der Körper und seine Gebärden, die ihn interessieren, sind vergleichsweise alltägliche Körper und Gebärden. Peter Meilchens Arbeiten sind kühn, weil er damit das konventionelle Sehen in der Kunst, die zwangsläufige "Erkennbarkeit" von Bedeutetem und Bedeutendem, für überholt erklärt. Er schafft eine Kunst, die keine Pflicht hat, sich durch Verständlichkeit und Nachvollziehbarkeit zu legitimieren. Der Hinweis auf die "bildnerische Autonomie", die Freiheit der Kunst, auf alles Neue, Unbekannte zuschreiten zu können und zu müssen, nach einer eigenen, inneren Logik, und keinerlei Abbildungsauftrag mehr gehorchen zu dürfen, bereitete eine Debatte vor, in der die moderne Kunst den flachen Bildmedien den Prozess machen soll. Das Outsourcing der Motivsuche an vorgefundene Fotos befreit Peter Meilchen von der Pflicht zum Bekenntnis, statt dessen verwendet er als Ausgangspunkt für seine Suche die behauptete Realität der Fotografie, der er misstraut, wie aller Darstellung von Realität, und letztlich wie der Wirklichkeit selbst.

Genauso, wie der Blick manipuliert wird, hat A.J. Weigoni in dem Ohr-Ratorium die Tonspur bearbeitet. Wir hören als Kontinuum: Zikaden aus dem Mittelmeerraum, Kühe vom Niederrhein, Kuhglocken aus dem Zillertal und Unken aus dem Aquazoo. Die heile Welt als virtuelles Ereignis.

Das Gehirn beschäftigt sich zu 80 Prozent mit der so genannten Verarbeitung visuell–haptischer Eindrücke. »Warum auf Bildern geweint wird und warum Bilder zum Weinen bringen«, lautet der Titel eines Buches von James Elkins. Wer das Phänomen unterschätzt, daß Bilder emotionale, körperliche Reaktionen hervorrufen können, wird sich der Problemtiefe, die von visuellen Phänomenen ausgeht, überhaupt nicht nähern können. Die Bilder gehören nicht der Kunstgeschichte. Sie gehören jedem. Zwischen den rein abstrakten und der rein realen Komposition liegen die Kombinationsmöglichkeiten der abstrakten und realen Elemente in einem Bild. Diese Kombinationsmöglichkeiten sind mannigfaltig. Das ist der offene Horizont, vor dem sich die Moderne konstituierte. Jede Form ist vielseitig, also mehrsinnig.

Eine furiose Analyse eines Bildes des spanischen Hofmalers Las Meniñas diente Michel Foucault dazu, dem Westen die Krise der Repräsentation zu erklären wie einen Krieg. Foucaults Fragen gibt der 1948 in Linz am Rhein geborene, in Arnsberg lebende, Peter Meilchen zurück an die Kunst: Was ist eigentlich zu sehen?

Wer als Betrachter auf eine einfache Antwort hofft, wird vor Meilchens Arbeiten kapitulieren müssen. In der Perpetuierung des Veränderlichen ist die Zeitlichkeit beschlossen – und mit ihr natürlich die Vergänglichkeit, das Abschnurren der Zeit, wie es in Meilchens Werk vorgeführt wird. Das Foto hört auf, die Wahrhaftigkeit des Dargestellten zu behaupten. Es ist kein Beweis mehr. Es geht um das Bild, nicht um die Wirklichkeit. So sind bei seinen Arbeiten eigenartige Verschiebungen entstanden, die doch aber auch eine gewisse Faszination auslösen. Diesen Effekt hat Roland Barthes mit dem "punctum" für das Betrachten von Fotografien beschrieben: Der Reiz liegt oft in den unbeabsichtigten Nebensachen, einem Blick, einem Detail, das nicht ins Bild passt und gerade deshalb besticht.
Titel: Schland auf DVD
Beitrag von: Matthias Hagedorn am 2007-12-09, 19:02:44
Peter Meilchen lässt sich Zeit, um er von der Zeit eingeholt zu werden, indem er sich dem reinen Schauen hingibt. Sein Geheimnis bleibt es, wie er aus der gelassenen Betrachtung Funken hervorzaubert, wie aus Beiläufigkeit Farben entstehen. Es ist schwer zu sagen, was die Bilder von Peter Meilchen zu Resonanzräumen macht; ihr Echo hallt lange nach. Gleichzeitig haben die Aufnahmen eine Präsenz, deren unmittelbarer Appell wie ein Zauberstab wirkt. Seine Fotografie stellt nicht nur die Frage der Ähnlichkeit, sondern auch die nach der Identität. Diese Identität mit dem abgebildeten Objekt ist, wie schon Roland Barthes festgestellt hat, eine Fiktion: ,,Eine Fotografie ähnelt immer nur einer anderen Fotografie", schrieb er in dem Essay »Die helle Kammer«. Das trifft auf die Bilder von Peter Meilchen zu, dessen betonte Gleichartigkeit nicht der Einfallsarmut, sondern der Konzentration auf ein Thema entspringt, in besonderem Maße zu. Er inszeniert lokale Eskalationen, von der Umgebung unbeachtete kreatürliche Exzesse, Momente des Kontrollverlusts und der energischen Entfaltung, in denen sich das Archaische inmitten urbaner Architekturen gegen jeden Ordnungswillen Bahn bricht. Einer Gesellschaft, die widerstandslos auf den Fortschritt einschwenkt, so diagnostiziert der Künstler, machen das kulturelle Unbewusste, die verdrängte Naturzugehörigkeit, der Körper, ein Wachstums– und Entfaltungswille den verdienten Strich durch die Rechnung. Die Bilder von Peter Meilchen zwingen die Welt in den Paarlauf, unversöhnlich und untrennbar in eins. So sind all die Zwillinge oder Doppelgänger nur eine Übertreibung des Wunsches, auf Erden nicht ganz alleine zu sein.

In seiner kombinatorischen Bildregie zapft er verschiedenste Quellen an; die Fremdheit ist in der Kunst ein kostbares Gut, das es erlaubt, die Wahrnehmung des Alltäglichen zu brechen und ihr die nötige Distanz zur Gewohnheit einzuhauchen. Peter Meilchens Bilder haben eine spezifische Signatur und einen speziellen Ort. Vielleicht ist es die irgendwie aufgelöste Atmosphäre der untergegangenen BRD, und doch formulieren die Bilder den Einspruch, daß wir auch angesichts ihrer Melancholie gar nicht anders können, als uns den Rätseln des bösen Märchens, das man das Leben nennt, immer wieder zu stellen. Es ist diese doppelte Botschaft, die Peter Meilchens Fotografien die ungeheure Spannung verleiht – zart und grimmig zugleich.

Dem Augen-Blick in seinem wörtlichen, wie auch übertragenen Sinn kommt im Schaffen Peter Meilchens eine entscheidende Bedeutung zu. Sowohl das mit dem Sinnesorgan Auge aufgenommene Bild, als auch die kurze Dauer seiner Wahrnehmung spielen eine wichtige Rolle. Auf diese Weise erhält dieses Werk gerade durch seine Weltzugewandtheit jene Beimischung von Melancholie, die für eine wahrheitsgemässe Beschreibung der Wirklichkeit unerläßlich ist. Weil die fotografischen Bilder nicht bewegt sind wie unsere unmittelbare Wahrnehmung der Welt, können Repräsentation und Mimesis nicht die angemessenen Dimensionen ihrer Beurteilung sein. Eher lebt Fotografie von dem Begehren, die Welt zu besitzen, und steht deswegen auch in einem komplizierteren Verhältnis zu den Werten öffentlicher Aufklärung und ethischer Sensibilisierung, als man es gemeinhin annimmt.

Peter Meilchen ist ein Leser, Privatgelehrter, Autor, immer hart am paradoxen Kern von Werkimmanenz und Anthropologie. Aber was er zu zeigen hat, ist nicht erdacht. Er weiß, daß Verständnis und Bedeutung eines Kunstwerks sich in der Art und Weise der Platzierung im Raum zeigen müssen. Während viele Artisten in teleologischen Phrasen gefangen sind und glauben, Künstler würden "Grenzen überschreiten", hat er erkannt, daß und wie sich künstlerische Werke aufeinander beziehen: geistig. Seine Fotografie fixiert den Augenblick, als würde sie ihn einfrieren. Was in der Dunkelkammer verborgen ist, wird an das Tageslicht geholt. Wer in einem Labor war und die Geburt eines Lichtbilds zwischen Essenzen, Dämpfen und den Schemen der Laborwelt herbeigeführt hat, der weiß, was für ihn verloren ist, wenn er es nicht bewußt kultiviert: die Dunkelheit, die Langsamkeit, das Prozesshafte, die Chemikalien, der Gestank und das lange Warten auf das Bild. Peter Meilchen sucht den ungewohnten Ausschnitt, wählt den schrägen Blick, findet das Detail, die Momente einer heilsamen Entfremdung zwischen Umwelt und Mensch. Seine Absicht ist es nicht, mit dem Fotoapparat zu knipsen, sondern ein Bild zu machen.

Als Künstler führt er dem Betrachter mit seinen Bildern immer wieder Wunder und Macht seines Mediums vor. Das Wunder, daß Fotografie Weltfragmente so inszenieren kann, daß sie sich als Puzzleteile in ein mögliches Ganzes fügen, und so einen Eindruck einer sichtbaren Realität geben, die wir selbst nie kennengelernt haben. Und die Macht der Fotografie, die uns zeigt, wie es gewesen ist – obwohl es nie so war.

Träumen ist das wahre Wachsein. Und das Fantastische ist das Wirkliche. Im Medium der Fotografie produziert dies Paradoxon nicht nur Bilder sui generis, sondern hat auch die Möglichkeit der Verbreitung in Magazinen und Zeitschriften. Peter Meilchens Bilder halten fest, was nicht festzuhalten ist: die Erscheinung einer Landschaft, eines Gegenstands, eines Menschen. Indem seine Fotografie den Zeitfluss unterbricht, vollzieht sie eine Inventarisierung der Sterblichkeit. Seine Bilder springen ins Auge. Am zutreffendsten ist für sie das Eigenschaftswort packend. Seine Schland–Stücke ergreifen uns. Ein Fingerdruck genügt, um dem Augenblick eine postume Ironie zu verleihen.

Mit der Erkenntnis, daß in jeder scheinbar noch so objektiven Darstellung immer auch subjektive Wahrnehmung steckt, lässt sich niemand mehr hinter dem Ofen hervorlocken. Daß die Frage nach der Wiedergabe von Realität noch immer ein interessanter Ausgangspunkt für fotografische Unternehmungen sein kann, zeigt Peter Meilchen. Bei aller Medienreflexivität und dem Bewußtsein für historisches Gepäck scheint er sich seinen persönlichen Vorlieben gern hinzugeben. Genau das macht den Reiz dieser Arbeiten aus. Er eignet sich die bildnerischen Verfahren seiner Vorgänger an, um Irritationen einzufügen, die wie ein mitunter sehr humorvoller Metatext funktionieren. Daher ist es nur konsequent, »Schland« zu transformieren und digitally remastered auf DvD anzubieten. Diese Umwandlung führte bei der analogen Fotografie von der fotografierten Realität ins digitalisierte Bild und befragt damit die Relevanz des Mediums. Das ist das Unvergleichliche an Peter Meilchens Kunst: Sie erträgt nicht nur die Vieldeutigkeit, ja sogar den Widersinn. Sie setzt die andere Möglichkeit der Deutung geradezu voraus. Man braucht sich nicht auf die eine und allein gültige Botschaft festzulegen. Seine Bilder sprechen zum Betrachter in vielen Sprachen. Erst wenn wir fähig werden, die zahlreichen und ganz anders lautenden Botschaften zu entschlüsseln, die das Kunstwerk bei umsichtigem Befragen aussendet, begreifen wir das Wesentliche. Vieles im Leben ist eindeutig und unmissverständlich. Damit haben wir uns letztlich abzufinden.

Matthias Hagedorn

Bestellmöglichkeit der DVD: 02932 / 82471
Titel: Re: Geschwalle
Beitrag von: Kilian am 2007-12-09, 19:58:23
Danke, Herr Hagedorn! Wir haben bereits einen Faden für Texte dieser Art, daher habe ich mir erlaubt, Ihre wertvollen Ergänzungen hierher zu verschieben.
Titel: Re: Geschwalle
Beitrag von: Ku am 2007-12-09, 20:12:31
Ich wollte Herrn Hagedorn gerne noch folgendes mitgeben:

Herr Hagedorn, ich beuge vor Ihnen das Knie.

Wenn ich Sie richtig verstanden habe, ist Herr Meilchen, für den Sie werben, ein Fotograf, also ein Mensch, der Fotos macht. Eine schöne Kunst.

Wir sind hier allerdings Menschen, die eher Freude am Wort haben.

Ihre wahrhaft ungeheuer wortreiche Hymne an Peter Meilchen hat mich daher zunächst zu Boden geschleudert und, nachdem ich mich wieder erholt habe, dazu veranlasst, darüber nachzudenken, ob sie nicht verdient, in das Guinnessbuch der Rekorde aufgenommen zu werden.   

Wenn Sie Lust haben, schicken Sie doch mal ein Foto von sich rüber. 
Titel: Re: Geschwalle
Beitrag von: amarillo am 2007-12-09, 20:44:27
Auf der Suche nach 'Peter Meilchen' fand ich noch einen Text von Herrn Hagedorn, der fing so an:

Entgegen der Gewohnheit von Künstlern, sich als "Gruppe" zu definieren, ein "Generationenprojekt" ausrufen zu müssen und ein "Manifest" zu proklamieren, vergaßen Jürgen Diehl und A.J. Weigoni jegliches kuratorische Wissen und öffneten sich neuen Lösungen. Mit dem Vorhaben, "grenzüberschreitende artIQlationen" zu realisieren, gelang ihnen das dialektische Kunststück, konstruierte Pathosformeln und Energiesymbole zur Einheit von Denken, Wollen und Fühlen durch eine eigene, streng individualistisch–lustvolle Selbstaneignung einer wahrhaftigen künstlerischen Freiheit zuzuführen. [...]

und ging dann seitenlang weiter.

Hier (http://www.der-bogen.de) kann man Fotos sehen. Außerdem 'spricht' der Künstler persönlich, ist aber ebenso unverständlich.
Titel: Re: Geschwalle
Beitrag von: Kilian am 2007-12-09, 21:45:36
Zitatund ging dann seitenlang weiter

Ich muss wirklich sagen, ich bin ehrlich beeindruckt. Seite um Seite so weitermachen, ohne irgendetwas auszusagen, ohne zu irgendeinem Punkt zu kommen, ständig in diesem ernsthaft-ätherischen Diktum bleibend... dazu gehört bestimmt ein enormes Durchhaltevermögen.
Titel: Re: Geschwalle
Beitrag von: Ku am 2007-12-09, 21:49:00
Find ich doch echt
Rebberlah
Titel: Re: Geschwalle
Beitrag von: Ku am 2007-12-10, 23:03:08
Ich habe mal nur so den Namen "Matthias Hagedorn" gegoogelt.
Jetzt weiß ich, wie ein Gehirnkrampf sein muss. Unter 10.000 Wörtern kann der Mann sich nicht mitteilen, auch wenn er eigentlich nur Guten Tag sagen will.
Lesenswert ist der früheste Beitrag auf der Homepage des Herrn H.
Der letzte Beitrag ist womöglich auch lesenswert, aber so viel Zeit und Langmut steht mir nicht zur Verfügung.

Wir können ja noch froh und glücklich sein, dass uns Herr H. sozusagen mit einer Super-Galakto-Kurzfassung erfrohen hat.
Titel: Re: Geschwalle
Beitrag von: Fleischers Karsten am 2007-12-11, 09:00:21
Zitat von: amarillo am 2007-12-09, 20:44:27
Auf der Suche nach 'Peter Meilchen' fand ich noch einen Text von Herrn Hagedorn, der fing so an:

Du, pass mal besser auf - der Peter hat schon über dich geschrieben (http://www.autoren-heute.de/h/Gedichte/Amaryll.html). Den wirste getz nich mehr los.
Titel: Re: Geschwalle
Beitrag von: Fleischers Karsten am 2007-12-11, 09:04:47
Wie wohltuend sich doch dieser Autor (http://www.autoren-heute.de/t/Gedichte/_January_28_2006_0.html) von den Herren Hagedorn und Meilchen abhebt...
Titel: Re: Geschwalle
Beitrag von: amarillo am 2007-12-11, 09:16:48
Auf just jener Seite fand ich auch ein Gedicht, das Euch vorzuenthalten ich mich  nicht durchringen konnte - Hurz!

Untergang

April fällt vom Morgen herab
und die fließende Liebe erstarrt.
Alles verliert sich in den Bergen,
dort wo die Vernunft erstickt.

Herausbrechend wie das Wasser,
welches ertrinkt im dornigen Quell.
So gewinnt der helle Geist
verworren bis zum Anfang.

Das hohe Grab zerbricht,
so auch die Sonne den Mond erlischt.
Der Allerhöchste schaut nun nach oben,
dort wo die Vernunft erstickt.

Beitrag von: Patrick Wacker

Schon seltsam, daß wir alle ein wenig masochistische Neigungen haben, waß den Ergrund solchen Verbalerbrechens angeht...
Titel: Re: Geschwalle
Beitrag von: Fleischers Karsten am 2007-12-11, 09:35:33
Das hier fand ich auch sehr formidabel:


I den t i taet i den t i taet

i den t i taet

ich war die anderen ICH ich war ICH ich war die ICH ich war die anderen ICH

doch wer sind DIE?

DIE die sind DIE die sind die DIE die sind die anderen

ICH DU ER, SIE, ES WIR IHR SIE

DIE die sind die anderen ich du er sie es wir ihr sie wir sind die anderen i Den tI i taEt D I E I dEN T i TAeT d i e

IHR seid die anderen !

--------------------------------------------------------------------------------
copyright by stella eva henrich
Titel: Re: Geschwalle
Beitrag von: Fleischers Karsten am 2007-12-11, 09:55:56
Zitat von: amarillo am 2007-12-11, 09:16:48
Auf just jener Seite fand ich auch ein Gedicht, das Euch vorzuenthalten ich mich  nicht durchringen konnte - Hurz!

Untergang

April fällt vom Morgen herab
und die fließende Liebe erstarrt.
Alles verliert sich in den Bergen,
dort wo die Vernunft erstickt.

Herausbrechend wie das Wasser,
welches ertrinkt im dornigen Quell.
So gewinnt der helle Geist
verworren bis zum Anfang.

Das hohe Grab zerbricht,
so auch die Sonne den Mond erlischt.
Der Allerhöchste schaut nun nach oben,
dort wo die Vernunft erstickt.

Beitrag von: Patrick Wacker

Schon seltsam, daß wir alle ein wenig masochistische Neigungen haben, waß den Ergrund solchen Verbalerbrechens angeht...

Das ist doch schick, da kann man viel mit machen. Ich wandt mal eben die Methode G-1 (http://verben.texttheater.de/forum/index.php?topic=2251.0) mit Gerhard Holzmanns kleinem Baulexikkon (http://www.baubegriffe.com/) drauf an:

Unterbau

Appretur fällt vom Moränenschutt herab
und das fließende Lichtwellenleiterkabel erstarrt.
Alles verliert sich in den Bereitstellungszinsen,
dort wo die Vernetzung erstickt.

Herausbrechend wie der Washprimer,
welcher ertrinkt in der dornigen Quecksilberdampflampe.
So gewinnt der helle Geison
verworren bis zum Anfallspunkt.

Die hohe Gouachefarbe zerbricht,
so auch der Sondervorschlag den Mönch erlischt.
Das Allergen schaut nun nach oben,
dort wo die Vernetzung erstickt.


Macht ungefähr genauso viel Sinn wie das original.
Titel: Re: Geschwalle
Beitrag von: Fleischers Karsten am 2007-12-11, 10:26:12
Zitat von: Fleischers Karsten am 2007-12-11, 09:04:47
Wie wohltuend sich doch dieser Autor (http://www.autoren-heute.de/t/Gedichte/_January_28_2006_0.html) von den Herren Hagedorn und Meilchen abhebt...

Der ist sehr kreativ, der Herr Becker. Ich fand noch ein weiteres Werk (http://www.autoren-heute.de/t/Kurzgeschichte/_January_28_2006_0.html) von ihm.
Titel: Re: Geschwalle
Beitrag von: Agricola am 2007-12-11, 10:40:49
Zitat von: Fleischers Karsten am 2007-12-11, 09:04:47
Wie wohltuend sich doch dieser Autor (http://www.autoren-heute.de/t/Gedichte/_January_28_2006_0.html) von den Herren Hagedorn und Meilchen abhebt...
Ich finde keine Worte!
Titel: Re: Geschwalle
Beitrag von: Berthold am 2007-12-11, 17:52:40
Zitat von: Ku am 2007-12-10, 23:03:08
Ich habe mal nur so den Namen "Matthias Hagedorn" gegoogelt.
(...) Unter 10.000 Wörtern kann der Mann sich nicht mitteilen, auch wenn er eigentlich nur Guten Tag sagen will.

Starker Saturneinfluß, vermöte ich.
Und habe
a) nicht nur selber den Saturn im Skorpion/7. Haus stehen (mit Trigon zum Uranus, Quadraten ...), sondern
b) auch gleich ein passendes Literaturzitat:
Saturn und Melancholie - Raymond Klibansky, Erwin Panofsky, Fritz Saxl - Taschenbuch - 640 Seiten (1992) - Suhrkamp, Ffm. - ISBN: 3518286102
In einer Kritik (von Anton Smetana: http://www.sternwelten.at/bu_saturn_melancholie.shtml) zu diesem Werk - das ich vor vielen Jahren auf Kreta (späterer Vortrag: 'Die Göttinnen der Bienenmänner - Orchideen im kretischen Frühling') begierig las (manchmal brauch ich sowas) - heißt es:
'Raymond Klibansky zitiert anfangs in seinem Vorwort unter anderem den mailaendischen Dominikaner Battista de Crema: "Ein Saturnkind ist entweder ein Engel oder ein Teufel". "Jakob Boehme erblickt in der besonderen Hinwendung des Teufels zu den Melancholikern sowohl die drohende Gefahr der Verderbnis wie - gerade wegen dieser Gefahr - die Moeglichkeit eines besonderen Zugangs zum Heil."' Wer in dem Buch nur irgendeinen astrologischen (-> 'Strolch') Quargel vermutet, irrt.

Guten Tag!
Titel: Re: Geschwalle
Beitrag von: Fleischers Karsten am 2008-01-04, 12:36:55
Ich wusste nicht genau wohin mit der European Laughter Society (http://www.hahahahaha.org/index.htm), unter Linx packen wir ja eher gute Sachen. Aber die schwallen auch ganz schön viel Mist und passen von daher gut hier hin.
Ehrlich gesugen: Ich krich bei sowas echt 'n büschen Angst! Denen möchte ich nie begegnen.
Titel: Re: Geschwalle
Beitrag von: Anon Ym am 2008-01-04, 23:29:23
Es ist soweit: selbst für das Geschwalle als eine der letzten dem Menschen vorbehaltenen Tätigkeiten gibt es nun eine Maschine (http://www.hanebuechlein.de/exot/buergelmaschine/index.html), die sich mit den Meistern ihres Faches messen kann.

- sprachs und zog sich wieder zu den anderen anonymen Lesern zurück.
Titel: Re: Geschwalle
Beitrag von: Ku am 2008-01-05, 14:23:26
Und siehe, da gibt es noch so was:

http://www.newmediadesigner.de/
Titel: Re: Geschwalle
Beitrag von: Agricola am 2008-01-05, 14:49:20
Der erzeugt aber nicht wirklich Texte, sondern gibt bloß jeweils die ersten X Zeichen von eingespeicherten Texten zurück.
Titel: Re: Geschwalle
Beitrag von: amarillo am 2008-03-15, 13:46:48
"Ruhr hoch n Team-Work-Capital"

so heißt der neue Slogan fürs Revier, den sich die Düsseldorfer Agentur 'grey' für eine Million Euronen ausgedacht hat. Nach 55 Jahren schäme ich mich erstmals, Bürger dieser Region zu sein.

Liebe grey-Mitarbeiter, da ich nicht zur Gewälttätigkei neige, wünsche ich Euch immerhin, daß Ihr zusammen mit den Auftraggebern für diesen Unfug an die Wand gestellt und mit Katzendreck zugeschissen werdet!

MAN GLAUBT ES JA NICHT
Titel: Re: Geschwalle
Beitrag von: Fleischers Karsten am 2008-11-12, 15:01:31
Eine geballene Lud Geschwalle hat hier (http://wwwuser.gwdg.de/~cwagenk/schofel.htm) jemand zusammengetragen.
Titel: Re: Geschwalle
Beitrag von: Günter Gans am 2009-11-08, 16:24:39
Donners Keil, knapp ein Jahr nach Karstens gelenkem Gelink auf jenen Geschwalleschwall hier was Kurzes aus eig'nem Ohr:

,,Da braucht man eine Verankerung, den Anker nehmen, mal richtig in den Sand legen, dass er fest hängt, und an den Felsen bindet, um dann auch sich neu zu orientieren." *

(aus dem Munde eines CSU-Landtagsfraktionsvorsitzenden, den - zu dessen Glück - außerhalb Bayerns kein Schwein kennt)

*) Obig Zitorenes pieße natulr auch ins Brett "foll daneben", aber lieber mal wieder ältere Fäden weitergeknoffen...
Titel: Re: Geschwalle
Beitrag von: Kilian am 2011-02-23, 17:35:35
Wer sich für die Dokumentation und Sektion unglaublichsten Geschwalles auf höchstem akademischen Rang interessiert, dem sei das Buch Eleganter Unsinn. Wie die Denker der Postmoderne die Wissenschaften mißbrauchen von Alan Sokal und Jean Bricmont ans Herz gelegt. Mir sind die Augen übergegangen, als ich dort las, in was für einer Quantität und Unverfrorenheit manche berühmte Philosophen den immensesten Stuss produzieren und das der Welt als geisteswissenschaftliche Tätigkeit verkaufen.
Titel: Re: Geschwalle
Beitrag von: amarillo am 2011-02-23, 18:03:15
"Die poetische Sprache (die wir fortan mit den Initialen ps bezeichnen wollen) enthält den Code der linearen Logik. Darüber hinaus können wir in ihr all die kombinatorischen Figuren finden, die die Algebra in einem System künstlicher Zeichen formalisiert hat und die auf der Manifestationsebene der gewöhnlichen Sprache nicht externalisiert werden..." (Julia Kristeva)

Die Dame unternimmt den Versuch, eine Verbindung zwischen poetischem Schaffen und der Mengenlehre herzustellen...
(Habe ich in einer anleinigen Besprechung des von Kilian vorgestollenen Buches gefunden; 90 Schleifen (amazon) will ich dafür einfach nicht hinblättern.)
Titel: Re:Geschwalle
Beitrag von: Günter Gans am 2012-04-04, 02:50:01
Zitat von: Kilian am 2005-04-28, 18:54:56
gelingsicher ist eine für die Werbesprache typische Adjektiv-Bildung mit einem Verb, von Sprachkritikern m.W. oft angeprangert. Völlig zu Unrecht angeprangert, wie ich finde: Diese Wörter nutzen die gerade der deutschen Sprache eigene und so nützliche Möglichkeit, viel Bedeutung auf wenig Raum unterzubringen, und neigen überdies dazu, recht eindeutig, präzise und verständlich zu sein.

Aus unserem beliebten Sprachkurs "Lerne FDJ-Deutsch mit Angela Merkel" heute der Merkelismus der Woche, Folge 328:

"Die Wiedervereinigung ist gelingbar gewesen und folglich auch gelungen."
Titel: Re:Geschwalle
Beitrag von: katakura am 2012-04-04, 10:18:01
Zitat von: Günter Gans am 2012-04-04, 02:50:01
... FDJ-Deutsch ...

... klörest du mir bitte mal er, oh ganter, was unter dieser bezinch zu verstehen ist ??? ...
Titel: Re:Geschwalle
Beitrag von: Kilian am 2012-04-05, 11:07:17
Zitat von: Günter Gans am 2012-04-04, 02:50:01
"Die Wiedervereinigung ist gelingbar gewesen und folglich auch gelungen."

Falsch eingefädelt, süge ich. Das ist doch toll! Weiter:

Die Wiedervereinigung ist erfolgbar gewesen und folglich auch erfolgt.
Die Wiedervereinigung ist glückbar gewesen und glücklicherweise auch geglückt.
Mein Verhalten ist strafbar gewesen und wurde sträflicherweise auch bestraft.
...
Titel: Re:Geschwalle
Beitrag von: Günter Gans am 2012-04-06, 03:07:43
Zitat von: katakura am 2012-04-04, 10:18:01
Zitat von: Günter Gans am 2012-04-04, 02:50:01
... FDJ-Deutsch ...

... klörest du mir bitte mal er, oh ganter, was unter dieser bezinch zu verstehen ist ??? ...

Gern.

Es ist natulr überspotzen. Jetzt raunt's von der Psychocouch: In Merkels Sozialisation, damit zwingend auch in ihrem Spracherwerb und -gebrauch, lassen sich tiefe Traumata erkennen. Wer als wenige Wochen junges Baby von Hamburg nach Quitzow, dann nach Templin verschloppen wird, weil der Vater offenbar einen abstrusen Missionseifer auslebt, hat ja schon den ersten Hau weg.

Dann der allgegenwärtige Zwiesprech in der DDR: im öffentlichen Raum jaa hübsch linientreu; eigene Meinung nur im allervertrautesten Familien- und Freundeskreis, selbst da nicht ohne Risiko. So lernt man das Zwischen-den-Zeilen-Reden, aber es ist schwer und gelingt nicht immer unfallfrei. Und sie war ja wirklich FDJ-Funktionärin, nach eigener Aussage für Kultur, nach glaubwürdigen Zeitzeugen aber für Agitation und Propaganda. Nicht gans das Gleiche, da bleiben Fragen offen. Und sie hatte 1986 Westreiseerlaubnis, die bekam nicht jedeR.

Aber wer bin ich, einem Ossi die Ostzone zu erklären?  ;) Zu Deinem Glück biste ja zu jung.

Das heißt natulr nicht, dass Politiker mit Wessi-Hintergrund nicht auch gehörigen Bläh- und Murkssprechs fähig wären. Doch der Hosenanzug ist schon ein besonderes Rhetorik-Prachtexemplar. Ich traue mir zu, aus 100 beliebigen Politikerreden mit einiger Treffsicherheit die Merkelschen herauszuerkennen.

Nebenbei: gans interessant und aktuell dazu (naja, am Rande dazu) der Linguist Guy Deutscher (http://www.tagesspiegel.de/wissen/sprachwissenschaft-dem-gefaengnis-der-sprache-entfliehen/6473176.html), besonders der viertletzte und der letzte Absatz auf Seite 3 von 3.
Titel: Re:Geschwalle
Beitrag von: Berthold am 2012-04-06, 15:02:51
Zitat von: Günter Gans am 2012-04-06, 03:07:43
(...) Ich traue mir zu, aus 100 beliebigen Politikerreden mit einiger Treffsicherheit die Merkelschen herauszuerkennen.
(...)

Wie mein Geschreibsel, was?
Titel: Re: Geschwalle
Beitrag von: Günter Gans am 2014-05-08, 03:28:00
Wie verbrämt der Vorstandsvorsitzende eines seeehr großen Dax-Konzerns den Wegfall von 18.000 Arbeitsplätzen? So:

"Von der Strategie zur Konsolidierung zur Verschlankung zur Kompetenzsteigerung und zur Beteiligung der Menschen am Erfolg, und ich lege großen Wert darauf, dass das die Intention des Siemens 2020 eine ganzheitliche Abbildung dessen, was ein Unternehmen ausmacht."
(Siemens-Chef Joe Kaeser hat eine "Vision 2020", in der ARD Tagesschau (http://www.tagesschau.de/multimedia/sendung/ts48112.html) 7. Mai, nach ca. 10 min)

Tja, wenn man unter zu viele Berater, Psycho- und Motivationscoachs gefallen ist... und für echtes Geschwalle holpert's noch ein bissi, fast wie Merkeldeutsch.

Trelff or die Münchner Abendzeitung komment (http://www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.az-meinung-umbau-bei-siemens-wie-kafkas-schloss.3491bd1c-3b6d-4203-8b5d-7b3b14632532.html).
Titel: Re: Geschwalle
Beitrag von: Günter Gans am 2014-05-08, 03:30:06
Und hier noch 'ne externe Empfahl:

Auch ein trelffer Kommentar der Titanic (http://www.titanic-magazin.de/briefe/2014/mai/#c20821).
Titel: Re: Geschwalle
Beitrag von: Kilian am 2015-04-19, 19:29:50
Außenminister Frank-Walter Steinmeier zu der Frage (http://www.zeit.de/politik/deutschland/2015-04/bundestag-armenien-voelkermord), warum er den Völkermord an den Armeniern weiter nicht beim Namen nennen will: "Verantwortung heißt eben, Verantwortlichkeit nicht auf einen einzigen Begriff zu reduzieren." ???
Titel: Re: Geschwalle
Beitrag von: Günter Gans am 2015-04-20, 01:06:53
O ja, für solch wolkiges Geblubber ist unsere Bundesaußeneulebrillenschlange jederzeit gut. Der Mann ist eh Valium auf Beinen, und das formuliert er sogar besser als unser Bundeshosenanzug. Mei, die Sprache der Diplomatie halt...

Andererseits bei seinem Job schon okay, dass er nicht auftritt wie ein Seehofer, Sarkozy, Putin und dergleichen Elefanten in allen Porzellanläden.