Autor Thema: Ipsiv  (Gelesen 8270 mal)

Kilian

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Ipsiv
« am: 2007-08-28, 14:35:04 »
Was ist eigentlich das Gegenteil von Kausativ? Schön klänge ja Spontiv, aber das Wort träfe es nicht, denn ein Nicht-Kausativ bedeutet ja nicht, dass etwas von selbst geschieht, nur dass man eventuelle äußerliche Anlässe nicht als Subjekt im Satz hat. Ich nenne es halt mal Ipsiv. Im unten zitorenen und verlunkenen Faden bemohen wir uns einst um die Bald neuer Kausative. Jetzt möchte ich die Bald von Ipsiven anregen, wo sie fehlen. Ein Stück weit hatten wir das damals schon im Blick - man beachte die unterstrichenen Ipsive:

III b) transitive, schwache Verben, z.B. tackern
ALT: Ich tackerte die Blätter gut. Der Stapel, den mein Chef später vorfand, war fest zusammengetackert.
NEU: Ich tackerte die Blätter gut. Der Stapel, den mein Chef später vorfand, torck fest zusammen.

IV b) starke, transitive Verben, z.B. ziehen
ALT: Ich zog den Wagen kraftvoll. Der Wagen zog schnell durch die Straßen.
NEU: Ich ziehte den Wagen kraftvoll. Der Wagen zog schnell durch die Straßen.

Nun die ersten neuen Beispiele: Partikel- und Präfixverben entlehnen ihren bislang nicht vorhandenen Ipsiv vom Stammkausativ.

Wir werden die Serie im Herbst fortsetzenDie Serie wird im Herbst fortsitzen

Jemand hat das Barometer verstelltDas Barometer ist verstanden das Barometer versteht

Leg das Kleid da nicht hin, sonst wird es versengtLeg das Kleid da nicht hin, sonst versingt es
« Letzte Änderung: 2007-09-05, 14:45:42 von Kilian »

Agricola

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Re: Ipsiv
« Antwort #1 am: 2007-08-29, 07:34:41 »
Sehr schön! Ich wollte gerade prüfen, ob mein Barometer versteht, aber er verliegt gerade, deshalb kann ich nicht draufgucken.

Auf hochdeutsch heißt es aber doch eher "mein Barometer hat verstanden", oder? Die Bildung mit "sein" wäre eher süddeutsch.
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Kilian

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Re: Ipsiv
« Antwort #2 am: 2007-08-29, 11:09:24 »
Stimmt auch wieder. Das Barometer hat verstanden gefällt mir gut, das hat so was Widersinniges...

Grinsekater

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Re: Ipsiv
« Antwort #3 am: 2007-09-04, 22:49:09 »
Im obigen Beispiel kekönne man jedoch auch im Präsens verweilen: Das Barometer versteht, nachdem ich es verstellt habe.

Ist ein Ipsiv denn waselnt oder auch nur etwas mehr als extragestorkenes Passiv, bei dem die Tätererwähwähnung mit ,,von" oder ,,durch" verbietet? Starke Passivbildung ist ja durchaus reizvoll, andererseits jedoch memüsse dann die Partizip-2-Verwendung eingeschracht (Beispiel!) werden, und das wär ja auch schade.

Mir wollen ohnehin keine schönen Ipsiv-Bildungsregellöslinge einfallen, leider. Kömmt Zeit, kömmt Rat? Mal schaun.
« Letzte Änderung: 2007-09-05, 00:29:37 von Grinsekater »

Kilian

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Re: Ipsiv
« Antwort #4 am: 2007-09-05, 15:00:49 »
Im obigen Beispiel kekönne man jedoch auch im Präsens verweilen: Das Barometer versteht, nachdem ich es verstellt habe.

Wahr gesprochen, ein Zustandsipsiv passt hier viel besser als ein Vorgangsipsiv. Ist korrigoren.

Zitat
Ist ein Ipsiv denn waselnt oder auch nur etwas mehr als extragestorkenes Passiv, bei dem die Tätererwähwähnung mit ,,von" oder ,,durch" verbietet?

Zumindest so viel mehr, wie hängt mehr als ist (irgendwohin, irgendwodran) gehängt worden und trinkt mehr als wird getränkt ist. Ein Apfel hängt am Baum, ist dort aber nie hingehängt worden. Und trinken kann man, ohne getränkt zu werden.

Zitat
Starke Passivbildung ist ja durchaus reizvoll, andererseits jedoch memüsse dann die Partizip-2-Verwendung eingeschracht (Beispiel!) werden, und das wär ja auch schade.

Ich nünne das "synthetische Passivbildung" (vgl. MrMagoos synthetisches Futur), denn das Partizip in der analytischen Passivbildung mit dem Hilfsverb werden kann ja auch stark sein. Aber es gibt ja auch den oben erwähnten Bedautsunterschied zwischen Passiv und Ipsiv.

Grinsekater

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Re: Ipsiv
« Antwort #5 am: 2007-09-05, 17:06:27 »
Jetzt ist's mir klarer, ich hatte dem Wörtlein ,,eventuelle" in deinem Leitartikel zu wenig Beachtung geschacht, nämlich keine. Was das Synthetikpassiv angeht, hat MrMagoo es damals tatsalch zwiefach angesprochen, aber leider nie ausgefohren.

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Re: Ipsiv
« Antwort #6 am: 2007-10-02, 06:33:20 »
Leg das Kleid da nicht hin, sonst wird es versengtLeg das Kleid da nicht hin, sonst versingt es

Eher als Ausnahmeipsiv, als Distinguspraetiv, eher versongen, somit auch als Starkstorkung.

Quelle: eigene Verstorkungen: ...sie Versongen sein fein Scheidungsgeld...
Häme erschlägt jeglichen Kritikansatz...

Kilian

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Re: Ipsiv
« Antwort #7 am: 2007-12-03, 21:33:53 »
Hast du sie mal gesehen in letzter Zeit? Sie schwimmt immer mehr auf vor Kummer.
« Letzte Änderung: 2007-12-05, 17:56:12 von Kilian »

Kilian

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Re: Ipsiv
« Antwort #8 am: 2007-12-05, 17:55:46 »
In dieser Region verdringen die Kurden immer mehr.

Mein neuer Mantel futtert vorzüglich!

Die Rechnung müsste dem Ordner einhaften.
« Letzte Änderung: 2007-12-05, 17:59:17 von Kilian »

Kükenschublade

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Re: Ipsiv
« Antwort #9 am: 2008-04-01, 02:32:58 »
Neue Ipsive:
Der Partykeller lufdt/luft.
Das Schwein schacht.
Die Familie fährt zusammen.
Das Geschirr rient. (von reinigen)
Die selbsterfüllende Prophezeiung erfuhlt.
Der Bessbecher fuhlt mit Wasser.
Das Problem lost von allein.


Neue Kausative:
Der ältliche Schäferhund trüdelt die müde Herde ein.


Außerdem sind mir beim Lesen der anderen Beiträge in diesem und im verlinkten Faden folgende Fragen aufgekommen:
Zitat von: gehabt gehabt
sterben starb gestorben
sterben sterbte gesterbt
Gibt es hierzu nicht bereits den Kausativ töten? Zugegeben, nicht eben morphologisch blutsverwandt mit sterben, und ist daher wohl nicht als Kausativ von sterben zu bezeichnen, aber es bedeutet ja immerhin sterben machen.
Ein ähnliches Paar bildet m.E. bleiben und halten (bleiben machen). Hierfür bot gehabt gehabt bleibeln an. Dabei ist das doch der Vernaldch ;)

Zitat von: Kilian
Jemand hat das Barometer verstellt - Das Barometer versteht
Beim Verstellen von Messgeräten mag verstehen herhalten, allerdings nicht bei Zeitmessern. Denn wenn man eine Uhr verstellt, geht sie falsch. Lässt man diesen Ipsiv zumindest als Alternative zu, könnte man umgekehrt den zusätzlichen Kausativ vergehen (schwach) einführen:
Ich habe die Uhr vergeht.
An der Uhr vergehen kann man sich schließlich auch noch, wenn man grammatisch frustroren ist.

Warum heißt es Stellung oder Wendung (kausativ), aber andererseits Sitzung oder Liegenschaft (ipsiv)?
Warum Säugetier und nicht Saugetier? Saugen tun sie immerhin alle irgendwann, im Gegensatz zu säugen.
Bei Ableger und Auflieger etwa leuchtet's ein (die Präfizes machen die Rolle des Bezinchenen in der Handlungsrichtung klar).
Wie kommt es zu aussetzen und aussitzen? Die könnte man doch genausogut bedutverkohren einsetzen:
Die Maschine sitzt kurzzeitig aus.
Er hat vor, das Problem auszusetzen.

Ist hetzen der Kausativ zu hassen?

Bei den mannigfaltigen Einsatz(!)möglichkeiten der Verben setzen, stellen und legen, die vielen aus dem mettre- oder poner-Übersatz(!) bekannt sind, ergeben sich durch den konsequenten Verwandt der neuen Kausativ- und Ipsivformen neue Mehrdute:
Seit dem Besuch im Kaufhaus stehe ich auf lederneSchuhe. - Dieser Kaufhausbesuch hat mich auf lederne Schuhe gestellt.
Nach langem Aussieben wurde er für die IT-Abteilung eingestellt. - Er steht für die IT-Abteilung ein.
Ich setze auf einer Parkbank einen Schmähbrief auf. - Es sitzt ein Brief auf einer Parkbank auf.
(Nun gut, das Beispiel funktioniert nicht, hier braucht es einen Verursacher, der Kausativ wäre hier also unzulässig...)
Er stellt seinen besten Mann für das Spiel auf - Sein Bester Mann steht für das Spiel auf.
Schon morgens früh stellst du den Computer an. - Schon seit 6 Uhr steht der Rechner an.
Was hast du jetzt schon wieder angestellt? - Was steht an?
Für die Parade legt sie ihre Uniform an. - Die Uniform liegt an.
Der Börsianer verbirgt, was er anlegt. Es bleibt verborgen, was anliegt.


Bei fast allen Beispielen lösen sich die Mehrdute auf, wenn man die Präpositionen und Präfizes weglässt. Das Recht (die Richtigkeit) dieser Praxis wird durch diese Beispiele noch unterstrichen:
Die Dorfgemeinschaft stoll vor einem Jahr eine Statue auf. Die Statue steht seitdem dort.
Ich habe die Leiter an der Wand angelehnt. Die Leiter lehnt recht sicher.

Dann steht das Verb manchmal aber sehr beziehungslos in der Landschaft herum:
Die Djane legt die neuesten Platten auf. - Die neuesten Platten liegen.
Wer Arsch sagt, muss auch beige sagen.

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Re: Ipsiv
« Antwort #10 am: 2008-04-01, 14:57:27 »
Formidable Ausfuhren!

Wie kommt es zu aussetzen und aussitzen? Die könnte man doch genausogut bedutverkohren einsetzen:
Die Maschine sitzt kurzzeitig aus.
Er hat vor, das Problem auszusetzen.

Letzteres ergäbe Sinn, wenn Probleme beim Aussitzen säßen. Dies aber tun die Menschen.

Zitat
Ist hetzen der Kausativ zu hassen?

Laut Examples of German Causative Verbs ja, wobei "One or both of the verbs have changed their meaning so that the meaning of the causative verb is no longer to cause the action of the base verb."

Kilian

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Re: Ipsiv
« Antwort #11 am: 2008-04-01, 16:36:34 »
Ich kreuzpostiere Beispiele für Schur ambivalenter Transitivitäten über denselben ipsiven Kamm wie normale Transitivitäten:

"Wir denken uns den Nenner vorläufig weg. Da der Nenner nun wegdinkt, befassen wir uns ausschlulß mit dem Zähler."
"In der Kinofassung von 1962 kurzt diese hervorragende Szene leider aus."
« Letzte Änderung: 2008-04-01, 16:56:38 von Kilian »

Kilian

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Re: Ipsiv
« Antwort #12 am: 2008-04-01, 17:22:05 »
Stimmt, mein Beispiel mit aussitzen funktioniert nicht, weil das Verb aussetzen heißen memüsse, damit aussitzen der Ipsiv wäre. Es heißt aber aussitzen. Wie sähe der Ipsiv dazu aus?

Diese Frage, auf die ich keine rechte Antwort wusste, hatte mich gerade dazu gebracht, diesen Faden zu eröffnen ...

Lass es mich so formulieren: Was macht man mit Verben, die semantisch kausativ, morphologisch aber ipsiv sind?

Beispiel: aussitzen. Wenn etwas ausgesessen wird, was tut es dann?

Mit dem üblichen Verfahren, das Stammverb zu betrachten, kommen wir nicht weiter, weil sitzen bereits ipsiv ist.

Auf die Gefahr hin, die potenziellen Ambiguitäten zu potenzieren, schlage ich vor, Diminutivendungen zur weiteren Ipsivierung heranzuziehen. War die Idee schon mal da? Klaue ich sie gerade wem? Schon möglich. Ich find's aber gerade nicht.

Es hieße dann also:

aussitzen -> aussitzeln
Wir sitzen die Probleme aus -> Die Probleme sitzeln aus.

Weitere Beispiele:

verstehen -> versteheln
Ich verstehe die Sache -> Die Sache verstehelt mir.

raussingen -> raussingeln
Sie sang die Gäste, die nicht gehen wollten, raus -> Die Gäste sulngen raus.

Die Beispielsätze mögen den möglicherweise beschränkten Nutzen der Sache illustrieren.

Kükenschublade

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Re: Ipsiv
« Antwort #13 am: 2008-04-01, 17:34:48 »
Du klaust keine Idee direkt. Wenn überhaupt, ist es noch schlimmer: Du klaust und verfälschst: ;D
kausativ von bleiben: bleibeln

bleiben blieb geblieben
bleibeln bleibelte gebleibelt:  Der Chef bleibelte uns bis halb sieben im Buero

analog zu klingen  und klingeln
Wobei ich hier gehabt gehabts Version vom diminutiven Kausativ vorzöge.

Allerdings möchte ich hier noch mal ganz explizit zur Diskussion stellen: Hat bleiben nicht, wie schon oben behauptet, den xenomorphen :) Kausativ halten?
Der Chef hielt uns bis halb sieben im Büro.
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Re: Ipsiv
« Antwort #14 am: 2008-04-01, 18:09:49 »
Muss man dann auch halten, was man sonst eher bleiben lässt?
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