Autor Thema: Steiger  (Gelesen 52555 mal)

Kilian

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Re: Steiger
« Antwort #30 am: 2006-10-16, 23:54:37 »
Mit dem fortschreitenden Verfall des Stammwerkes wurde die Produktion immer zerstreuter.

Agricola

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Re: Steiger
« Antwort #31 am: 2006-10-17, 00:14:10 »
Mit dem fortschreitenden Verfall des Stammwerkes wurde die Produktion immer zerstreuter.
Was ist denn daran besonderes? Ist es nicht normal, dass man adjektivisch verwendete Partizipien steigern kann? Wenn es ziemlich gewagte Formulierungen gibt, warum dann nicht eine gewagter als die andere? Ebenso können Personen sehr zerstreut sein wie der sprichwörtliche Professor, oder nur etwas zerstreut wie jemand, der sich gerade einmal nicht recht konzentriert hat, also ist doch der Professor zerstreuter als letzterer. Das scheint mir ganz gewöhnliches Standarddeutsch zu sein, oder ist es es nicht?
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Kilian

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Re: Steiger
« Antwort #32 am: 2006-10-17, 10:23:33 »
Beim Professor ist es klar, da ist das Partizip eindeutig zu einem Adjektiv geronnen (lexikalisoren). In der Bedeutung kleinteilig verteilt ist für mich jedoch noch der Verb-Charakter vorherrschend, in diesem Sinne liegt das Augenmerk nicht auf einem Zustand, sondern auf einem Prozess, der immer weiter fortschreitet, was das gestirgene Partizip im Neutschen bedeutungsmäßig aufnimmt.

Der Wahrig schlägt sich da auf meine Seite und kennt zerstreut als Adjektiv nur in der Bedeutung:

Zitat
zer'streut <Adj.; -er, am -esten; fig.> unaufmerksam, abgelenkt, in Gedanken mit anderen Dingen als den im Augenblick notwendigen beschäftigt, häufig irgendetwas vergessend; er ist ein ~er Professor <umg.; scherzh.> er vergisst ständig irgendetwas; er ist sehr ~

Agricola

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Re: Steiger
« Antwort #33 am: 2006-10-17, 13:00:21 »
Meinem Sprachgefühl nach ist die zerstreute Produktion genauso adjektivisch wie der zerstreute Professor (oder jedenfalls so zerstreut wie dessen Gedanken). Beides kann man, tut man aber selten, verben: Die vielen Termine zerstreuten den Professor. / Die unentschlossene Betriebsführung zerstreute die Produktion.
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Berthold

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Re: Steiger
« Antwort #34 am: 2006-10-17, 13:20:11 »
Die vielen Termine zerstreuten den Professor.

Da höre ich aber eher heraus: Die vielen Termine unterhielten den Professor, sie lonken ihn ab - weil sie ihn von irgendeiner faden Routine'hack'n(g)' befrieen (Da gehört auch etwas gemochen!) oder aus sonst einem Grund. 
« Letzte Änderung: 2006-10-17, 13:22:29 von Berthold »

Kilian

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Re: Steiger
« Antwort #35 am: 2006-11-07, 19:45:24 »
Unter kommerziellen Anbietern herrscht ein erbitterter Kampf darüber, wer bei Google am gefundensten wird.

Agricola

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Re: Steiger
« Antwort #36 am: 2006-11-08, 02:00:44 »
Unter kommerziellen Anbietern herrscht ein erbitterter Kampf darüber, wer bei Google am gefundensten wird.
Dieses Beispiel eröffnet interessante Perspektiven. Und zwar deshalb, weil es mir zeigt, dass es eben einen Unterschied zwischen "suchen" und "finden" nicht nur auf der Oberfläche der beschriebenen Handlung, sondern in der Bedeutungsstruktur gibt. Die bei Google gefundensten Sachen würde ich eher als die meistgefundenen beschreiben, ebenso wie es meistgesuchte Sachen gibt. Die meistgesuchten Sachen sind aber nicht immer die gesuchtesten. Das "Gesuchteste" ist das mit der größten Intensität oder Ausdauer Gesuchte (so z.B. manches neu geschneiderte Beinkleid) und in jedem Fall schwer zu Findende, während das "Meistgesuchte" (z.B. der Begriff "Sex" im Internet) meist leicht zu finden ist und lediglich häufig gesucht wird. Ob in diesem Sinne von "Gefundenstem" überhaupt geredet werden kann, ist mir nicht ganz deutlich. Vielleicht kann man Dinge finden, die von vielen schön oder hässlich gefunden werden und andere, die ob ihrer Unauffälligkeit überhaupt nicht oder nur selten irgendwie gefunden werden; dann müsste es auch eine Intensität des schön oder hässlich Findens geben, und die Dinge, die sich der ästhetischen Empfindung am intensivsten aufdrängen, wären dann wirklich die Gefundensten. Sobald man die Empfindung jedoch auf eine Richtung (z.B. nur das Schönfinden) beschränkt, würde man wohl eher von "am schönsten gefundenen" Dingen sprechen, obwohl der für sprachliche Nuancen Empfindliche zwischen "am schönsten gefundenen" und "schön gefundensten" Dingen im obigen Sinne doch auch unterscheiden könnte.
« Letzte Änderung: 2006-11-08, 02:05:13 von Agricola »
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Re: Steiger
« Antwort #37 am: 2006-11-08, 16:29:26 »
Da könnte eine Suchmaschine ihre ästhetisch ansprechende Oberfläche mit dem Spruch "finde ich am schönsten" bewerben, optimal wäre dafür ein Name wie "Bei Jeff".

Kilian

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Re: Steiger
« Antwort #38 am: 2006-11-16, 17:04:46 »
BTW: Es gibt Adjektive, die sind unsteigerbarer als andere.

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Re: Steiger
« Antwort #39 am: 2006-11-16, 17:28:02 »
BTW: Es gibt Adjektive, die sind unsteigerbarer als andere.
Mir schoß nur so eine Idee durch den Kopf - und ich schreib sie her, noch bevor etwas in mir ernsthaft zu arbeiten beginnt (oder auch nicht):
Immer und immer wieder Adjektive nur steigern und wieder steigern? Das ist einsoygt. Es kekünne doch auch eine Sonk, eine Schwach von Adjektiven geben. Etwa, von böse ausgehend, etwas das wagner böse wäre: 'Er war schon ein bäsiles Kind.' 'Franz war, meine ich, büsulär als Karl.' - oder irgendwas in der Racht.

Agricola

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Re: Steiger
« Antwort #40 am: 2006-11-17, 04:29:30 »
MIAL zeilt heute folgenden Schlag:

Amerikas mutmaßlichster Doppelmörder

In welcher Richtung wird denn nun "mutmaßlich" gesteigert? Ist ein Doppelmörder "mutmaßlicher", wenn die Leute mehr Mut zum Maßen haben? Oder bezeichnet "mutmaßlich" den Abstand von der sicheren Erkenntnis, so dass ein "mutmaßlicherer Mörder" einer ist, auf den die Mutmaßungen mit geringerer Wahrscheinlichkeit zutreffen?

Falls das erste gemeint ist, sollte man eher so steigern:

mut[ig]maßlich, mutigermaßlich, mutigstmaßlich
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Re: Steiger
« Antwort #41 am: 2006-11-17, 12:58:22 »
Der Spiegel bezeichnet ihn auch als den "freigesprochensten" Doppelmörder Amerikas - müsste das nicht freistgesprochen heißen? Und was mag es bedeuten?

Agricola

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Re: Steiger
« Antwort #42 am: 2007-03-21, 13:41:08 »
Auch wenn die Analogiebildung hier in letzter Zeit in Verruf zu geraten im Begriff sich aufhält, scheint es mir doch angebracht, die Steigerungsformen - da wir sehr viele bisher noch nicht zustande gebracht haben - durch Analogien zu bereichern.

Z.B.
nah, näher, der nächste und hoch (der hohe), höher, der höchste
analog:
roh, röher, der röchste (mit langem ö zu sprechen)
froh, fröher, der fröchste
wach (der wahe), wäher, der wächste
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Re: Steiger
« Antwort #43 am: 2007-10-11, 20:14:40 »
Gerade fällt mir auf: Die äußere Stadtmauer - eindeutig ein Komparativ von der außen Stadtmauer. Und wenn es drei auße Stadtmauern gibt, ist die, die noch äußer als die äußere ist, die äußeste.

Das Wort lässt sich auch auf Veranstaltungen beziehen, die aus sind:

Das Halbfinale besteht aus dem außen Spiel zwischen England und Frankreich und dem noch laufenden zwischen Deutschland und Italien. An die äußeren Spiele des Viertelfinales erinnern sich manche noch, aber die äußesten Achtelfinalspiele haben die meisten schon vergessen.
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Re:Steiger
« Antwort #44 am: 2008-09-06, 22:56:17 »
Ich sympathisiere damit, auch Partizipien zu steigern, bei denen das aufgrund ihrer Adjektivform besonders einfach geht:

- Es wäre dann zwar nicht strafbarer, aber es würde dir von den Leuten vorgeworfener.
- Wohnte ich nicht in Berlin-Mitte, würde ich noch viel kritisierter.
- Er hat sich umso bemühter, je positiver die Rückmeldungen waren.
- Marilyn Monroe war die fotografierteste Frau der Welt.
- Das Rot unserer Quadrate ist etwas gedockener worden.

Leider scheint das Deutsche auf dem Weg zu sein, genau das Gegenteil zu machen:

Zitat
Wenn es sich bestätigt, könnte dieser Effekt darauf zurückzuführen sein, dass Sprecher Sätze wie (2a) analog zu Sätzen verwenden, in denen statt des deverbalen Adjektivs tatsächlich ein Verb steht, also z.B. (5a):

(5a) Ich weiß nicht, wen die Diskussion mehr erschöpft hat…

http://www.iaas.uni-bremen.de/sprachblog/2008/09/04/grammatik-ist-mehr-faszinierend-als-alles-andere/