Stärket die Verben ( auch die gestorkenen )

Begonnen von gehteuch nixan, 2004-12-28, 22:10:42

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gehteuch nixan

In den letzten Jahren ist eine zunehmende Substantivierung der Sprache zu beobachten. Stets werden aus Verben Nomina gemacht und mit "schwachen" ( nicht grammatikalisch gemeint ) Verben wie sein, machen, haben oder ähnlichem versehen.
Beispiele:
Es ist eine Substantivierung zu beobachten statt dass die Sprache substantiviert wird. Es werden aus Verben Nomina gemacht statt dass die  Verben nominalisiert werden. Es werden Anrufe, Aussagen gemacht, SMS geschickt, Eingaben wiederholt, Steuererklärungen abgegeben statt dass angerufen wird, ausgesagt wird, geSMSt wird,  wiederholt eingegeben wird, die Steuer erklärt wird ( letzteres ist eh eine Illision - letzteres illusioniert eh ).
Störke niemand die Verben, der Substantiva überhänden gar zu sehr!

ps: Lieber Administrator! Scheue er nicht, diesen Beitrag zu korrigieren, so dass die Verben korrekt gestorken seien. Denn säge ich grammatisch nicht stark genug aus, nur unglaubwürdiges stünde  hier

amarillo

#1
>>In den Augen von Generationen von Sprachpflegern  die größte Pest, breitet sich der Nominalstil unaufhaltsam weiter aus. Unser Sprachgefühl - Ludwig Reiners hat das schon der vorigen Generation klargemacht - hält einen Satz für geglückt, wenn er im Gleichgewicht ist: hier sein Subjekt (ein Nomen), dort sein Prädikat (ein Verb). Denn in seiner Grundform ist der Satz nichts anderes als eine Aussage über ein Wesen oder Ding: X tut A, Y ist B. Der Nominalstil verstößt gegen dieses Gleichgewicht. Seine Verben sind oft nur noch da, um ihn pro forma zu Ende zu bringen. Eine eigene Bedeutung tragen sie kaum mehr. Oft sind sie von der blassesten Art: sein, haben, werden, führen, durchführen, vornehmen, erfordern, bereitstellen, beinhalten (das an gehaltene Beine denken läßt), Funktionswörter nur noch, die die Syntax verlang, keine Inhaltswörter mehr.

"In der Feststellung liegt die Antwort Webers auf die Frage nach dem Grund für die Tatsache der Entstehung des modernen Kapitalismus ausgerechnet in Europa" (Adolf Holl): neun Nomina und nur ein Verb (liegt), und was für ein schwächliches.<<

Zimmer, Dieter E.: Redensarten. Haffmanns, Zürich 1986; S. 36 f.
Das Leben strebt mit Urgewalt nach Entstehung und Musik.

Kilian

#2
Sehr wahr. Interessanterweise gibt es auch an sich sehr schillernde und oft bedeutungsreiche Verben, die in bestimmten Zusammenhängen, in Kombination mit bestimmten Substantiven... nun, ich will nicht gerade sagen, als Funktionsverben dienen, aber zumindest deutlich weniger eigener Bedeutung haben als sonst.

So kommt man Aufforderungen nach, entspricht Bitten, legt Eide ab, geht Verpflichtungen ein, erlässt Verordnungen, leistet Abbitte, nimmt Rücksicht, übt Nachsicht, verabschiedet Gesetze und versieht seinen Dienst.

In den meisten Fällen könnte eigentlich genauso gut macht dort stehen, was zwar völlig unidiomatisch wäre, aber der Bedeutung und Verständlichkeit kaum Abbruch täte. Statt dessen wird die Tristesse des Nominalstils durch Verbenvielfalt abgemildert. :)

Arnymenos

Diese Kollokationen, also idiomatische Zusammenstellungen, sind ja fast schon lexikalisch und müssen gelernt werden. An dieser Stelle wundert sich der Linguist: Er sieht ja ein, dass ein Wort eine bestimmte andere Wortart verlangt, aber dass ein Argument (nämlich das Substantiv) ein Prädikat aussucht, und dazu noch ein ganz bestimmtes Wort, das ist seltsam. Argumente haben eigentlich gar nichts zu kamellen was ihr Prädikat angeht. Und dann greifen sie es weder bei der Form (das Verb kann ja frei flektiert werden) noch bei Aussprache. Da hat der Linguist dann einen Anhaltspunkt, dass Wörter mehr sind als ihre Bedeutung und Ausspracheform; sie haben eine Identität, die über alle grammatischen Umwandlungen (Passiv oder so...) erhalten bleibt. Wörter sind Individuen. Ein schönes Ergebnis der Kollokationen.

Ich glaube, nächstes Semester werde ich damit etwas Formales machen. Und dann kann es gut sein, dass meine Bachelorthese damit zu tun haben wird.

Kilian

Der Linguist hat dem Amateur aufgezeigt, warum dieser die Kollokationen intuitiv mochte: Anlass zur Verwunderung und Zeichen von Individualität, das muss es sein! Danke! :)

versucher

Ist nicht auch

"wider den Stachel löcken"

so eine Kollokation?

Wo löckt man denn sonst noch? Was bedeutet denn löcken für sich genommen überhaupt??? Und wie wird es konjugoren?

caru

"löcken" heißt "hüpfen, springen" - so wie ein böcklein oder ein fohlen in der gegend rumspringt.

gibt es sonst nur noch in "frohlocken" - ursprünglich "vor freude springen".
(\___/)
(>´x´<)
('.')__('.')

Nijntje - de echte nederlandse konijn

amarillo

"Über den Löffel balbieren" scheint mir auch eine Kollokation zu sein.
Das "Balbieren" erinnert mich doch stark an das "Barbieren", oder liege ich daneben?
Das Leben strebt mit Urgewalt nach Entstehung und Musik.

Arnymenos

Zitat von: Kilian am 2005-02-24, 23:16:06
Anlass zur Verwunderung und Zeichen von Individualität, das muss es sein!

Eine schöne Zusammenfassung.

amarillo

Zitat von: Kilian am 2005-02-24, 23:16:06
Der Linguist hat dem Amateur aufgezeigt, warum dieser die Kollokationen intuitiv mochte: Anlass zur Verwunderung und Zeichen von Individualität, das muss es sein! Danke! :)

Haltet ein, Großer Administrator, das habt Ihr nun, weiß Gott, nicht nötig.

In stiller Sorge - amarillo
Das Leben strebt mit Urgewalt nach Entstehung und Musik.

versucher

Wie wäre es mit Verben, die den Nomenmüll glätten helfen? Z. B.
Das gutet! = Das ist gut.
Das spaßt! = Das macht Spaß.
Das sinnt! = Das ist sinnvoll. (Oder - würg: Das macht Sinn.)
Ich hose noch schnell! = Ich ziehe nur noch schnell eine Hose an.
Der Spieler vergolb. = Der Spieler hat die gelbe Karte gesehen.
Die Kartoffeln erbraunen. = Die Kartoffeln werden braun.
Es beglückt mich. = Es macht mich glücklich. (Ups, das gibt's ja schon! Warum benutzt es dann keiner?)

Schöne Wörter sind auch
gülden, hölzern, metallen, marmorn, steinern, wächsern, blechern, hörnen...

Das kann man weiterverfolgen: z. B.
plastiken, porzellänern, uränern, glanzläckern, aquarellern, milchern, büttern, schneeflöckern, gümmern (zu Gummi!), tönern (was hier vom hörbaren, nicht vom knetbaren Ton stammt)...
Eben statt ,,aus Plastik", ,,aus Gummi"...

Man kann auch ganz hart sein und sogar statt ,,mechanisch" ,,mechänern" sagen oder statt ,,menschlich" ,,menschern": Margarethens töchterne Liebe kronk. (Wie soll man denn ,,kranken" bilden?) Horstens söhnerne Verpflichtungen litten.
Nicht unbedingt kürzer, aber schöner. Finde ich.

Arnymenos

Aber bitte mit Morphologie! Denn die Angelsachsen wechseln Wortkategorien unangekündigt, wie mein Prof, der uns zwei Ausdrücke mit "oder" verbinden ließ: "You have to or them!"

gehabt gehabt

Ich nehme an, das them ist nur fuer einen Amerikaner 100% richtig und dass es auf Englisch offiziell heissen muss: you have to or they.   (Who is there? It is I.   Es sagt niemand so)


amarillo

#13
Ich glaube, in diesem Fall ist das "them" Akkusativ, also völlig korrekt. Er sollte sie nämlich "odern" (durch eine "oder"-Beziehung verbinden).

Kennt man mundartlich auch in Deutschland, wenn nach einer einmal getroffenen Entscheidung immer noch jemand glaubt, Einwände vorbringen zu müssen, sagt man schon mal: "Hör' auf herumzuabern / zu odern".
Schluß aus, jetzt wird hier nicht länger geodert!
Das Leben strebt mit Urgewalt nach Entstehung und Musik.

versucher

@ Arnymenos: Morphologie? Schlag eine vor!

Was amarillo anspricht, fiel mir hier schon öfter auf: nicht selten bringt jemand einen Vorschlag für eine neue Bildung - und ein anderer kann Dialektbeispiele beisteuern, die die Sache stützen. Mir scheinen die Untiefen des Dialektalen ein schatzreiches Sammelbecken zu sein, in dem Fischen sich lohnt. Allerdings ist es ein Fischen im Trüben, weil das Gebiet so groß und unbekannt ist, zumindest für mich.
Irgendwelche Dialektforscher hier?