Autor Thema: Woerter, die ihr eigenes Gegentum bedeuten  (Gelesen 60187 mal)

Kilian

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Re: Woerter, die ihr eigenes Gegentum bedeuten
« Antwort #120 am: 2010-05-19, 21:33:36 »
Die Grimms haben in ihrem langen Artikel ganze zwei Beispiele für diese Konstruktion: "der rabe bemerkte, dasz der adler ganze dreiszig tage über seinen eiern brütete. LESSING 1, 156, einen ganzen monat; er ist ganze vierzehn tage oder vierzehn ganze tage ausgeblieben. ADELUNG." Beide hören sich für mich eher nach der Homer weniger vertrunen Bedeutung an. Kömmt mir auch sinnvoller für: Wenn man betont, dass es "ganze" dreißig Tage sind, betont man, dass es nicht etwa weniger als dreißig Tage sind. Die Bedeutung "gerade mal" kenne ich daneben auch, kann sie mir aber gar nicht erklären, außer durch Ironie. Wahrigs Deutsches Wörterbuch von 1999 hat für beide Bedeutungen Beispiele, ohne das weiter zu kommentieren: "ich besitze noch ~e drei Mark; (...) die Reparatur hat ~e zwei Minuten gedauert; (...) ich hab ~e zwei Stunden warten müssen". Ich vermute, die "gerade mal"-Bedeutung ist jünger, hat aber die "sage und schreibe"-Bedeutung nie völlig verdrängt.

Homer

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Re: Woerter, die ihr eigenes Gegentum bedeuten
« Antwort #121 am: 2010-05-19, 22:47:35 »
Verehrter Saul,

verzeiht, daß ich noch nicht ganz zufrieden bin mit Eurer Auskunft! "Diese ganze vierzig Jahre" enthält ja einen definiten Zusatz ("diese") im Sinne von "die genannten 40 Jahre in toto" (wir würden hier im übrigen "ganzen" sagen). Ich muß also genauer werden: Mir ging es um das indefinite (artikel- und demonstrativpronomenlose) "ganze ... Jahre (/Monate/Wochen/Tage ...)". Was nicht heißt, daß sich nicht dennoch so alte Belege finden lassen kekünnen. Ich mache mich mal auf die Suche ...
Dann sehe der fleißige Dichter hier.

Das überzeugt, danke! Da muß ich wohl, gerade auch nach Kilians Anmerkungen, mein Sprachgefühl überdenken (soweit es sinnvoll sein kann, Gefühle zu überdenken).  :-\

@Kilian:
Ironie bei der "gerade-einmal"-Bedeutung kommt sicher in Frage. Vielleicht steckt hinter "ganze (= nur) dreißig Tage" aber auch der Gedanke: die dreißig Tage sind bereits das Ganze. Man betont dann, daß es nicht mehr als dreißig Tage sind.

Wie dem auch sei, das paßt doch gut in diesen Faden, oder?
« Letzte Änderung: 2010-05-19, 23:15:14 von Homer »

Kilian

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Re: Woerter, die ihr eigenes Gegentum bedeuten
« Antwort #122 am: 2010-05-20, 00:04:07 »
Ja, sehr gut. Vielleicht hieß es auch ursprulngch "ganz dreißig Tage", dann "ganz" im Sinne von "sich darin erschöpfend"? Und man hat dann angefangen, aus dem Adverb ein Adjektiv zu machen? Naja, wahrscheinlich fantasiere ich.

Wortklauber

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Re: Woerter, die ihr eigenes Gegentum bedeuten
« Antwort #123 am: 2010-05-28, 18:19:18 »
In folgendem Textausschnitt

Eine Hyperschallwaffe wie die X-51A könnte dieses Problem durchaus lösen. Da sie nicht größer ist als eine übliche Boden-Luft-Rakete, kann sie von Bombern und Jagdbombern abgeschossen werden.

ist nach dem Zusammenhang von einem Vorteil dieser Waffe die Rede. Ich musste ziemlich lange grübeln, bis mir aufging, dass das Abschießen eines Geschosses nicht nur die für den Abschießer unerwünschte Beendigung eines Angriffsaktes, sondern auch dessen Beginn bedeuten kann.

VerbOrg

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Re: Woerter, die ihr eigenes Gegentum bedeuten
« Antwort #124 am: 2010-07-05, 19:27:09 »
Der Bundestag hat vor zwei Wochen eine neue Gebühr beschlossen.
Der Bundesrat hat dem auch zugestimmt.
Der Bundespräsident verweigerte jedoch die Unterschrift und kassierte zunächst die Gebühr wegen verfassungsrechtlicher Bedenken.
Nun wird sie also doch nicht so schnell kassiert werden.

Kilian

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Re: Woerter, die ihr eigenes Gegentum bedeuten
« Antwort #125 am: 2010-07-05, 19:34:38 »
Ein Quantensprung ist in der Physik eine kleinstmögliche Zustandsänderung, in der Umgangssprache hingegen ein epochaler Fortschritt.

Christian Wulff

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Re: Woerter, die ihr eigenes Gegentum bedeuten
« Antwort #126 am: 2010-07-05, 19:39:39 »
Das stimmt nicht ganz, da hat wohl mal wieder jemand etwas vorschnell gemeldet. So schnell nach meinem Amtsantritt hege ich noch keine Bedenken, denn ich muss ja ersteinmal bedenken, was eine Unterschriftsverweigerung für Folgen haben könnte.

Aber halt mal, ich wusste noch gar nicht, dass ich für verfassungsrechtliche Bedenken Gebühren in Rechnung stellen kann. Hm, hört sich gut an. Da werde ich vielleicht doch etwas häufiger Bedenken haben, um mein schmales Gehalt (Sie wissen schon, weniger als ein Abteilungsleiter bei Siemens, nur die Dienstwohnung ist etwas vornehmer) etwas aufzubessern.

amarillo

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Re: Woerter, die ihr eigenes Gegentum bedeuten
« Antwort #127 am: 2010-09-11, 11:39:02 »
einst
Das Leben strebt mit Urgewalt nach Entstehung und Musik.

Wortklauber

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Re: Woerter, die ihr eigenes Gegentum bedeuten
« Antwort #128 am: 2010-11-03, 21:03:37 »
Viele Leute befürchten, dass der Genuss von gentechnisch veränderten Nahrungsmitteln schädlich ist.
Wir haben uns dagegen entschieden, solche Lebensmittel zu essen.

Dieser Satz kann bedeuten, dass wir uns gegen den Genuss gentechnischer Lebensmittel entschieden haben. Er kann aber auch bedeuten, dass wir uns gegen die Meinung vieler anderer Leute für den Genuss gentechnischer Lebensmittel entschieden haben.

Dieses Gegentum-Problem kam mir gerade in den Sinn, als ich den Abschnitt "Im Habsburgerreich entschied man sich dagegen ..." im wikipedia-Artikel "Muttersprache" las, den ich zuerst falsch verstand (was aber im Kontext keinen Sinn ergab).

FinnCrisp

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Re: Woerter, die ihr eigenes Gegentum bedeuten
« Antwort #129 am: 2010-11-05, 12:03:38 »
Ein Brite erzählte mir einmal von einer alten Lehrerin, die, wenn sie einen Schüler aufforderte sich zu erheben, "Sit!" rief.
Dass es sich nicht um einen Ideologismus handelte, konnte eine andere Engländerin bestätigen, die diese seltsame Bedeutung ebenfalls kannte.

AmelieZapf

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Re: Woerter, die ihr eigenes Gegentum bedeuten
« Antwort #130 am: 2010-11-11, 10:02:18 »
Hallo Wortklauber,

Viele Leute befürchten, dass der Genuss von gentechnisch veränderten Nahrungsmitteln schädlich ist.
Wir haben uns dagegen entschieden, solche Lebensmittel zu essen.

Das kommt davon, dass erschreckend viele Menschen für einen Sachverhalt nur noch ein Wort kennen. Mit schönen Nebenformen wie dawider und hingegen wäre das nicht passiert.

Oder "obwohl" -- was es da nicht alles gibt: wenngleich, wiewohl, obzwar, obgleich, obschon, obazta... Wer benutzt das noch?

Meine bessere Hälfte macht sich auch manchmal über mich lustig, weil ich "so altertümlich" spreche. Einzig mögliche Antwort: "Das ist nicht altertümlich, sondern eindeutig und obendrein: richtig".

Mit Sünonümen ist es halt wie mit körperlichen Befähigungen: "Use it or lose it"...

Grüße,

Amy
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Wortklauber

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Re: Woerter, die ihr eigenes Gegentum bedeuten
« Antwort #131 am: 2010-11-11, 17:33:56 »
Ja, sehr schön. Aber in dem wikipedia-Artikel, der meine Verwarr auslos, bedeutet das "dagegen" eben gerade nicht "hingegen". Hast Du für den Fall auch ein schönes Sühnonühm parat, das den Missverstand ausschießt? Natürlich weiß ich, dass man auch einfach den Satz umformulieren kekünne.

Homer

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Re: Woerter, die ihr eigenes Gegentum bedeuten
« Antwort #132 am: 2010-11-11, 19:49:58 »
Hast Du für den Fall auch ein schönes Sühnonühm parat, das den Missverstand ausschießt?

Mit Amys dawider ist jeglicher Missverstand ausgeschossen (:D)!

AmelieZapf

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Re: Woerter, die ihr eigenes Gegentum bedeuten
« Antwort #133 am: 2010-11-11, 21:28:44 »
Hallo Homer,

Mit Amys dawider ist jeglicher Missverstand ausgeschossen (:D)!

das ist nicht mein dawider. Zumindest bei Nietzsche und bei Robert Neumann (in seiner Nietzsche-Parodie "Von den Messerwetzern") gibt's das:

"Sein Messer aber war ihm ob dem Brote stumpf geworden. [...] Und wenn sein Bart ihn ärgert, so hat er nicht, dawider zu löcken." (aus dem Kopf zitiert aus Robert Neumann: "Die Parodien", ich glaube Bertelsmann irgendwann in den Sechzigern). Lesenswertes Buch.

Liebe Grüße,

Amy
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Homer

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Re: Woerter, die ihr eigenes Gegentum bedeuten
« Antwort #134 am: 2010-11-12, 01:04:00 »
"Wir haben uns dawider entschieden, solche Lebensmittel zu essen" wäre doch aber die gefrordene Vereindut, oder nicht?