Autor Thema: Ausgestorbene starke Verben  (Gelesen 16801 mal)

MrMagoo

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Ausgestorbene starke Verben
« am: 2005-05-18, 21:05:49 »
Hier habe ich noch eine Liste ausgestorbener starker Verben - da sie im heutigen Deutsch nicht mehr verwandt werden, leider nichts für die rote Liste, aber vielleicht kann man sie ja irgendwie wiederbeleben?! ;)

Nach Ablautreihe I:


beiten (warten) - bitt - gebitten
---> soweit ich weiß noch in oberdeutschen Mundarten, allerdings als schwaches Verb. Vgl. engl. "(a)bide"
gneiten - gnitt - gegnitten
kleiben (anhaften) - klieb - geklieben
---> Vgl. engl. "cleave" (clove - cloven)
leiben (schonen) - lieb - gelieben
reichen (herrschen) - rich - gerichen
---> hängt vielleicht mit "Reich" zusammen, ein Reich regieren?!
reiden (drehen) - ried - gerieden
reimen (zu etwas werden, zuteil werden) - riem - geriemen
reinen (berühren) - rien - gerienen
reisen (fallen) - ries - geriesen
schweichen (im Stich lassen) - schwich - geschwichen
schweiden (brennen) - schwied - geschwieden
schweinen (schwinden) - schwien - geschwienen
weifen (winden) - wiff - gewiffen
weihen (kämpfen) - wieh - gewiehen
---> auch mit gramm. Wechsel: weihen - wieg - gewiegen

Nach Reihe II:

dießen (tosen) - doß - gedossen
hiefen (klagen) - hoff - gehoffen
klieben (spalten) - klob - gekloben
---> Vgl. engl. "cleave" (cleft - cleft)
liechen (reißen, rupfen) - loch - gelochen
raußen (schnarchen) roß - gerossen
riesen (weinen) - ros - gerosen
schliefen (schlüpfen) - schloff - geschloffen

Nach Reihe III:

belgen (erzürnen) - balg - gebolgen
bretten (ziehen, zücken) - bratt - gebrotten
gellen (rufen) - gall - gegollen
---> Vgl. engl. "yell"
kerren (knarren) - karr - gekorren
krimmen (kratzen) - kramm - gekrummen
krimpfen (krampfhaft zusammenziehen) - krampf - gekrumpfen
limmen (brüllen) - lamm - gelummen
limpfen (zukommen) - lampf - gelumpfen
nerfen (zusammenziehen) - narf - genorfen
ninden (Mut zeigen) - nand - genunden
respen (rupfen) - rasp - gerospen
scherren (kratzen) - scharr - geschorren
schnerken (knüpfen) - schnark - geschnorken
schrinten (bersten, platzen) - schrant - geschrunten
schwerben (wischen) - schwarb - geschworben
spurnen (mit dem Fuß treten) - sparn - gespornen
telben (graben) - talb - getolben
winnen (sich abmühen) - wann - gewunnen

Nach Reihe IV:

klenen (schmieren) - klan - geklonen
---> auch mit Partizip "geklenen" (= Reihe V)
lechen (von Hitze rissig werden, leck werden) - lach - gelochen
queren (seufzen) - quar - gequoren
trechen (ziehen) - trach - getrochen
---> Vgl. niederdt. "trecken"
twelen (betäubt sein) - twal - getwolen
tweren (umrühren) - twar - getworen

Reihe V:

fessen ((hin-)fallen) - faß - gefessen
gefehen (sich erfreuen) - gefah - gefehen
fnehen (atmen) - fnah - gefnehen
gessen (erlangen) - gaß - gegessen
---> Vgl. engl. "get"
jehen (sagen, bekennen) - jah - gejehen
queden (sprechen, reden, sagen) - quad - gequedden
weten (binden) - wat - geweten

Reihe VI:

gahlen (singen) - guhl - gegahlen
laffen (lecken) - luf - gelaffen
lahen (tadeln) - luh - gelahen
sachen (streiten) - such - gesachen
schnachen (kriechen) - schnuch - geschnachen
---> Vgl. engl. sneak
spahnen (verlocken) - spuhn - gespahnen
twahen (waschen) - twuh - getwahen

Reihe VII:

bagen (streiten) - bieg - gebagen
blanden (mischen) - blind - geblanden
---> Vgl. engl. "blend"
blußen (opfern) - bließ - geblußen
eichen (zusprechen) - iech - geeichen
meißen (schneiden) - mieß - gemeißen
schroten (schneiden) - schriet - geschroten
waßen (fluchen) - wieß - gewaßen
wufen (schreien) - wief - gewufen
zeisen (pflücken) - zies - gezeisen
« Letzte Änderung: 2005-05-18, 21:08:59 von MrMagoo »
Wâ mag ich mich nu vinden? wâ mac ich mich nu suochen, wâ? nu bin ich hie und bin ouch dâ und enbin doch weder dâ noch hie. wer wart ouch sus verirret ie? wer wart ie sus zerteilet mê?
(Gottfried von Straßburg)

Kilian

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Re:Ausgestorbene starke Verben
« Antwort #1 am: 2005-05-18, 23:06:14 »
klieben nahm ich just in die Rote Liste auf, es ist wohl in Bayern noch gebräuchlich und von der Schwächung gefuhrden.

Klasse Liste, vielen Dank! Na, wenn sich mal da der Wortschatz nicht befruchten lässt...

Arnymenos

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Re:Ausgestorbene starke Verben
« Antwort #2 am: 2005-05-21, 21:43:53 »
Zu "reiden" ställe ich "reiteln" aus dem Simplicissimus. Es bezinch dort eine Dreh-Spann-Foltermethode für spontane Folterungen:
Zitat
einem andern machten sie ein Seil um den Kopf und reitelten es mit einem Bengel [=Knüppel] zusammen

Dort fänden sich womöglich noch viel mehr ausgestorbene Verben.[/color]

MrMagoo

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Re:Ausgestorbene starke Verben
« Antwort #3 am: 2005-05-21, 21:52:47 »
klieben nahm ich just in die Rote Liste auf, es ist wohl in Bayern noch gebräuchlich und von der Schwächung gefuhrden.

Klasse Liste, vielen Dank! Na, wenn sich mal da der Wortschatz nicht befruchten lässt...

Das will ich doch hoffen ;)
Ich werde die Liste natürlich ergänzen und aktualisieren, sobald ich weitere Verben entdecke - quasi die Decke wegziehe, unter der sie sich tummeln... ;)
Wâ mag ich mich nu vinden? wâ mac ich mich nu suochen, wâ? nu bin ich hie und bin ouch dâ und enbin doch weder dâ noch hie. wer wart ouch sus verirret ie? wer wart ie sus zerteilet mê?
(Gottfried von Straßburg)

Berthold

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Re:Ausgestorbene starke Verben
« Antwort #4 am: 2007-10-25, 13:34:36 »
klieben nahm ich just in die Rote Liste auf, es ist wohl in Bayern noch gebräuchlich und von der Schwächung gefuhrden.

Klasse Liste, vielen Dank! Na, wenn sich mal da der Wortschatz nicht befruchten lässt...

Schliefen (für schlüpfen) kannst Du auch aufnehmen - falls Du das nicht schon gamanch hast.

Bei uns:
'Schliaff in daem-Bullôwa!' - Schlüpfe in deinen Pullover!
'I biin im-maem-B. gschloffm.'

Ein 'Schliafhan(d)sl' ist eine Ähre der Mäusegerste (Hordeum murinum). Die Ähre wird (ward) von einem Kind einem anderen ins Genick (oder anderswohin?) geschomb - und 'schliafft' von dort unterm Hemd oder Leiberl weiter.
 
« Letzte Änderung: 2007-10-25, 13:36:24 von Berthold »