Autor Thema: Hebeverben  (Gelesen 4515 mal)

Kilian

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Hebeverben
« am: 2007-08-28, 22:28:01 »
Mal wieder etwas aus dem linguistischen Nähkästchen: Die Sätze

(1) John loves to be swimming
(2) John seems to be swimming

unterscheiden sich auf interessante Weise: Während das Verb loves eine Beziehung zwischen John und to be swimming herstellt (also semantisch ein zweistelliges Prädikat ist), erzeugt seems eine Variation eines ganzen Satzes: John is swimming. Die Semantik könnte man so darstellen, wobei das Prädikat jeweils vorne steht, gefolgt von einer Liste der Argumente in Klammern:

(1a) LOVE("John", "to be swimming")
(2a) SEEM("John is swimming")

Eigentlich ist es unlogisch, dass John syntaktisch trotzdem das Subjekt von seems ist. Verben wie seems nennt man raising verbs (ich übersetze: Hebeverben), weil das Subjekt des eingebetteten Satzes syntaktisch "über das Verb gehoben" wird und an erster Stelle erscheint.

(Subjekt-)Hebeverben (es gibt auch object raising) sind also Verben, die keine Aussage über ihr Subjekt treffen, sondern eine Aussage über einen Sachverhalt, in dem ihr Subjekt mitspielt. Sie sind also ulkige Gesellen und daher (mir) des Sammelns wert.

(3) Der Herr scheint nicht da zu sein (= es scheint, dass der Herr nicht da ist).
(4) Sardines tend to come in cans.
(5) They are said to cure from heartsickness.
(6) People had a habit of getting hurt while he was carrying out his grand plans. (J.K. Rowling, Harry Potter and the Deathly Hallows, p. 452)

Hier haben wir ein an sich normales Verb "have a habit of", das mit humoristischer Wirkung als Hebeverb benutzt wird. Was mich zu dem deutschen Hebeadverb gern führt:

(6) Die werden immer gern genommen.
(7 (konstruorene Fernsehinterviewaussage eines schnauzbärtigen Sicherheitsexperten) Da ziehen sich die Umstehenden gerne Verbrennungen bei zu.
« Letzte Änderung: 2008-06-16, 15:23:20 von Kilian »

Agricola

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Re: Hebeverben
« Antwort #1 am: 2007-08-29, 08:11:10 »
Gehören dazu auch "können", "dürfen", "sollen" und "müssen", jedenfalls wenn sie ein passives Verbum regieren?:

Schüler, die gar nichts können, können von der Schule verwiesen werden. (Können sie dann doch etwas?)
Wenn der Monarch alles darf, darf er nicht für seine Taten bestraft werden. (Also darf er doch nicht alles?)

"etwas müssen" bedeutet "zu etwas verpflichtet sein", während "sollen" eine moralische Forderung ausspricht. Demnach sollten folgende Umformungen möglich sein:

Der Flur muss gefegt werden. => Der Flur ist dazu verpflichtet, gefegt zu werden.
Leichen sollen nicht geschändet werden. => Wir fordern die Leichen auf, nicht geschändet zu werden.
The future lies in front of me,
but "lies" is all that I can see.

Kilian

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Re: Hebeverben
« Antwort #2 am: 2007-08-29, 11:00:12 »
Gehören dazu auch "können", "dürfen", "sollen" und "müssen", jedenfalls wenn sie ein passives Verbum regieren?:

Modalverben, ja, die können wohl auch dazugezählt werden - in bestimmten Verwendungen. Es muss aber nicht immer Passiv sein:

Schüler, die gar nichts können, können auf die schiefe Bahn geraten.
Der Monarch darf nicht umkommen.

Kilian

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Re: Hebeverben
« Antwort #3 am: 2008-12-05, 17:56:28 »
Verben wie seems nennt man raising verbs (ich übersetze: Hebeverben)

Okay, sie scheinen im Deutschen "Anhebungsverben" zu heißen.

Kilian

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Re: Hebeverben
« Antwort #4 am: 2011-03-03, 20:12:53 »
Ein schönes Anhebungsverb ist auch drohen. Mir war es nur als Nicht-Anhebungsverb geläufig, als ich zum ersten Mal Urmel aus dem Eis las, weshalb ich schallend lachte, als ich an die Stelle kam, wo Ping Pinguin das Urmelei ausbrütet, von dieser Aufgabe gar nicht begeistert ist und wo es heißt: „Er drohte zu ersticken.“ Und ich das so verstand, als wiese drohen ihm eine semantische Rolle zu, nämlich die des sich an die Umstehenden Richtenden und Verkündenden: „Wenn ihr mich nicht vom Brüten entbindet, werde ich die Konsequenz ziehen und ersticken!“

Homer

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Re: Hebeverben
« Antwort #5 am: 2011-03-03, 21:58:32 »
Zumindest vor der Rechtschreibreform gab es bei drohen und auch bei versprechen einen interpunktiven Unterschied:

"Er drohte, seine Mitwisser zu verraten" (= "Er sprach die Drohung aus, …").
"Er drohte seine Mitwisser zu verraten" (Hebeverb: "Es bestand die Gefahr, daß er …").

"Er versprach, ein guter Minister zu werden" (= "Er gab die Zusage, …").
"Er versprach ein guter Minister zu werden" (Hebeverb).

Kükenschublade

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Re: Hebeverben
« Antwort #6 am: 2011-10-11, 12:47:04 »
"Er mag ein Lehrer sein, aber er möchte kein Lehrer sein."
"Kinder sollen grausam sein, dabei sollen sie doch lieb sein!"
"Berlin muss ziemlich in den Schulden stecken, obwohl jedes Bundesland doch seinen Haushalt ausgleichen muss."
Wer Arsch sagt, muss auch beige sagen.

Berthold

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Re: Hebeverben
« Antwort #7 am: 2011-10-11, 13:11:26 »
„Er drohte zu ersticken.“

Das ist eine feine Sache, auch der von Homer hervorgehomppe "interpunktive Unterschied".
Als ich den Satz jetzt zum ersten Male las, kam ich auf ein anderes Problem. Ich frug mich namchl: 'Hat der gedroht, das Urmelei zu ersticken?' Ersticken ist, meine ich, so bedrohlich, daß es, wäre es ein transitives Verb, zunächst auch ohne sein Objekt auskommen kekünne.
Er drohte, zu schlagen/zu würgen/zu töten ...
Für mich wäre das auch der Fall, bei dem sich der neutsche (oder neust''rreichische) Kennjokus unterscheiden memüsse, womolchg in drei Gruppen.
Etwa (ohne viel zu überlegen):
Er druh zu ersticken - drühe - gedroh(e)n: Für das verbum eleva- (und da fehlt's mir an der passenden And)
Sie drah, zu ersticken - drähe - gedrah(e)n: für das 'commune' Verb, das ein intransitives nach sich zieht
Sie drouv, zu ersticken - dröuve - gedrouven.
Zusammen mit dem transitiven 'ersticken' hätte sich 'drohen - drohte - drohte - gedroht' vielleicht länger gachnalt. Bei der letzten Gruppe kekünne sich selbst der Infinitiv ändern: Er drouv, zu erstecken. - Ja was denn? Das Urmelei? - Just dieses Urmelei. (Da Eierschalen Poren besitzen, ist es ja wohl mochlg, Embryonen in den Eiern zu ersticken.)
Kekünne dies als infinitivus mutatus (varwalnde Nennform) binzinch werden.

Nachsatz: Ich bemühe mich, die Frage zu vermeiden, was das bedeuten kekünne, wenn jefräund zum ersten Male ickt (das Erst-Icken). Aber da hieße es ja wohl: Er drah, erstzuicken - was einen seltenen Zwielaut vortäuschen kekünne.
   
   
« Letzte Änderung: 2011-10-11, 14:01:37 von Berthold »

Kilian

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Re: Hebeverben
« Antwort #8 am: 2012-01-14, 14:06:12 »
Ein schönes Anhebungsverb ist auch drohen. Mir war es nur als Nicht-Anhebungsverb geläufig, als ich zum ersten Mal Urmel aus dem Eis las, weshalb ich schallend lachte, als ich an die Stelle kam, wo Ping Pinguin das Urmelei ausbrütet, von dieser Aufgabe gar nicht begeistert ist und wo es heißt: „Er drohte zu ersticken.“ Und ich das so verstand, als wiese drohen ihm eine semantische Rolle zu, nämlich die des sich an die Umstehenden Richtenden und Verkündenden: „Wenn ihr mich nicht vom Brüten entbindet, werde ich die Konsequenz ziehen und ersticken!“

Aus einem ähnlichen Grund stutzte ich auch,  als ich gerade in den Deutschlandradio-Kultur-Nachrichten hor, François Hollande habe auf die Kreditwürdigkeitsherabstufung Frankreichs hin gesagen, die französischen Bürgerinnen und Bürger riskierten nun, die Konsequenzen tragen zu müssen. Sicher ein Übersetzungsgallizismus, denn risquer weist im Gegensatz zu riskieren seinem Subjekt nicht notwendigerweise eine semantische Rolle zu – drohen oder Gefahr laufen wären bessere Übersetzungen gewesen.