Autor Thema: Zen-Verbismus  (Gelesen 5570 mal)

Fleischers Karsten

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Zen-Verbismus
« am: 2006-07-23, 01:07:33 »
Eine der faszinierenden Anden der deutschen Verben erscheint mir mittlerweile das –zen zu sein. Sie erfüllt eine reichaltige Palette von Funktionen:

1.) Anrede

Kluge belegt neben duzen und siezen auch ihrzen und erzen als Anredeformen.

Folgerechterweise memüsse es dann auch ichzen, eszen, wirzen geben:

wirzen – Krankenschwesterjargon: „Wie fühlen wir uns denn heute?“
eszen – sehr erniedrigende Anredeweise: „Es verschwinde aus meinem Blickfelde!“
ichzen – eigenlt nur molg bei Personen, die in der Lage sind, sich in jede andere Person komplett hineinzuversetzen, z.B. Vulkanier.

Denkbar wäre eine Erweitar dieses –zen-Verbismus auf über etwas reden, dann kekünne man die Personalpronomina einer vollständigen Deklinur unterziehen:

Gen. Sing.:

meinerzen – über etwas (Besitz, Gefühl o.ä.) eigenes reden („Mein Pferd, mein Haus, mein Auto.“)
deinerzen – über etwas des Gegenübers, mit dem man per du ist, reden („Deine Probleme möchte ich nicht haben.“)
seinerzen – über etwas einer weiteren männlichen Person reden („Seine Probleme möchte ich erst recht nicht haben.“)
ihrerzen – über etwas einer weiteren weiblichen Person reden („Der ihre Freundin würde ich gerne mal vögeln.“)

Gen. Pl. analog: unserzen, euerzen, ihrerzen

Dat. Sing.:
mirzen – „Weißt du, was mir letztens passiert ist? Also... (stundenlanger Monolog)“
analog: dirzen, ihmzen, ihrzen
Dat. Pl.: unszen, euchzen, ihnenzen

Akk. Sing.:
michzen – „Ich fühle mich so einsam. Mich hat soviseau keiner lieb. (stundenlanger Monolog)“
analog: dichzen, ihnzen, siezen, eszen
Akk. Pl.: unszen, euchzen, siezen

Um Verwalchsen zu vermeiden, memüsse eigelnt noch ein Unterschied der Personalpronomen zwischen Nom. 3. P. Sing fem., Nom 3. P. Pl., Akk. 3. P. Sing fem., Akk 3. P. Pl. (alle sie), sowie Nom. 3. P. Sing neutr., Akk 3. P. Sing. neutr. (beide es) geschaffen werden.

Verallgemeinern kekünne man dies sogar auf die Interrogativpronomen. Sehr nultz zur Klassifizur von Klatschblättchen oder quasi ähnlich geartenen Fernsehsanden:

Nom.: werzen, waszen – wer ist heute wieder über irgentzeinen roten Teppich stestorlpen? Was iert uns das Interess?
Gen.: wessenzen – z.B., wenn Hip-Hop-“Musiker“ ihre Nobelhütten im TV Präsent ieren
Dat.: wemzen – wem verirbt der soeben verstorbene Modezar seine Millionen?
Akk.: wenzen, waszen – wen hat eine reiche Hotelerbin heute wieder verlassen?




2.) Verbalisat von Interjakten und Tierlauten

ächzen, jauchzen, juchezen – von ach, juh, juchhe

A.J. Storfer verwies auf das Unger-Khullsche Steirische Wörterbuch, das auwetzen und wewetzen als wiederholt „au“ bzw. „weh“ rufen verzeichnet.

Wahrscheiln ist mauzen, maunzen – von Miau, Mau, dem Laut der Katze, nachgebolden (weder Kluge noch Storfer bestätigen dies, bzw. sind in den mir vorhandenen Ausgaben nicht verzinchen).

Ich schlage vor, auch auazen, puhzen, wauwauzen, wuffzen, muhzen, quakzen usw. in den neutschen Sprachgebrauch aufzunehmen.


Kommen wir nun zu einer erwúrtenen Form des –zen: –etzen.
Auch hier gibt es mehrereVariate:

3.) hörbare Vorgänge

Im oben erwåhnenen Steirischen Wörterbuch fand Storfer vor:

schmaungetzen = schmatzen (schon selbst ein Intensiv zu schmecken)
schnacketzen = mit der Zunge oder den Fingern schnalzen (auch bereits Intensiv zu schnallen/schnellen)
schurgetzen, grametzen = mit den Zähnen knirschen
stigetzen, giketzen, gaketzen, meketzen = stottern
schnaufetzen, pfenechetzen = schnaufen, keuchen
raunketzen = brummen (übertragen: sich unablässig beschweren, drängend bitten)
gnautzen = keifen
grölletzen = heulen, grunzen, rülpsen
schlerketzen = mit der Zunge anstoßen (evtl. Intensiv zu schlecken)
hüffelzen = weinen
zwirgetzen =  leise pfeifen, zwitschern
scharretzen, karretzen, raketzen = knarren
halletzen, lulletzen, wülletzen = almerisch singen
riegletzen = röcheln (auch ein Iterativ zu ahd. rohōn: brüllen, grunzen, lärmen)
rebelletzen = poltern
maungetzen, mucketzen = unterdrückte Töne von sich geben (mucken)
kwegetzen, quenketzen = quietschen

Mir fehlen dabei noch Verben wie allerwertschetzen (Töne mit dem Allerwertesten von sich geben), entsetzen (Wasservögel imitieren), saunketzen (unablässig vor sich her summen), duschingetzen (bei der morgelnd Selbstbewarss singen), fernetzen (sehr weit weg klingen).


4.) wiederholte Bewegungen (Iterativa)

schnepletzen = zappeln, zucken
schwapetzen = hin und her schwanken
wegetzen = beim Sitzen unruhig hin und her wetzen
lebletzen = Speisen rasch verschlingen
fledertzen = flatternd schweben
himmletzen = wetterleuchten (Storfer verzeichnet letzteres tatsalch als Verb)
hocketzen = hüpfen
nachtetzen = das Vieh nachts auf die Weide treiben
gaungetzen = taumeln
heilitzen = ausgleiten
helleratzen, schweimetzen = sich planlos herumtreiben

Hier gehören naturl ergonzen tagetzen (das Vieh [oder im übertragenen Sinn: den Lebensabschnittspartner] morgens früh auf die Weide [im übertragenen Sinn: zur Arbeit] treiben), suffletzen (Getränke rasch verschlingen), heiratzen (wiederholt versuchen einen Ehevertrag aufzusetzen, der beiden Ahen gleichermaßen zusagt)



Eine weitere Form des –zen-Verbismus ist das –enzen.

5.) Geruch und Geschmack

Gerade mal zwei Verben mit dieser And haben überloben: faulenzen (faul riechen) und kredenzen (usprulng: vorkosten).

Nabil Osman verzeichnet noch einige ausgestorbene Verben, die er bei Adelung fand (verweist aber auch wiederum auf Storfer):

bockenzen = nach dem Bocke riechen
kupferenzen = nach Kupfer schmecken
brenninzen = nach dem Brande schmecken
schlammenzen = nach dem Schlamme schmecken
fischenzen = nach Fischen riechen

Auch hier iere ich wieder Pläd für neue Verben: gerade jetzt zur Sommer- und Ferienzeit grillenzen alle Gärten nach Bratwürstchen und Koteletten, viele Leute baggerlochenzen nach Brackwasser. Wenn ich ab und an mal als Koch arbeite, essenze ich danach. Bei meiner lieben italienischen Freundin Lorenza kann ich auch mal ein Lor riechen.

Osman führt auch noch die Oberdeutschen Varianten des –enzen an, –einen, aber ledilg mit einem Beispiel:

biereinen = nach Bier riechen

Bierenzen fänd ich allerdings schöner.

Prost, allerseits!
« Letzte Änderung: 2007-12-05, 15:05:20 von Fleischers Karsten »
Karsten

Kilian

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Re:Zen-Verbismus
« Antwort #1 am: 2006-07-23, 17:08:04 »
Krass!

Wenn man berentzt, riecht man dann nach Bär oder nach Schnaps? ;)

Fleischers Karsten

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Re:Zen-Verbismus
« Antwort #2 am: 2006-07-23, 23:02:27 »
Krass!

Wenn man berentzt, riecht man dann nach Bär oder nach Schnaps? ;)

Ich süge: nach Appelkorn.

Brunetzen (nach Bruno, dem Bär) fände ich adäquat für nach Bär riechen, als postume Beileidsbekund. Passt auch zu Brunft und brummen.
Karsten

Fleischers Karsten

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Re: Zen-Verbismus
« Antwort #3 am: 2007-12-04, 13:08:14 »
Wie oben schon erwåhnen ist schmatzen ein Intensiv zu schmecken.

Aber auch ein weiteres Verb auf –tzen ist Intensiv zu einem auf –cken: blitzen zu blicken (über die Zwischenform blickzen).

Im Grimm findet man unter kotzen noch weitere Belege für die Entstah von Verben auf –zen aus Verben auf –ken:

d)  und auch kotzen musz zuletzt dazu gehören, benannt von dem klange den es gibt. kotzen stellt sich zu köcken, wie katzlen (b), kätzen zu käken, kauzen 2 zu kaüken (sp. 371). freilich hat köken nur oder doch meist langen vocal, aber es gibt eben auch kœzen sich erbrechen, in Nassau (KEHREIN 241). selbst eine entstehung der verba auf -z aus denen auf -k ist möglich, wie blitz aus blick ward durch blikz hindurch (2, 129), wie klucken gluckern durch kluchzen, kluckzen, klucksen hindurch vielleicht zu klutzen ward (vergl. gackzen). in dem kätzgen, goazken unter c könnte auch eine umstellung aus k-kz zu k-zk vorliegen, wie in blitzgen aus blickzen (2, 134), gatzgen aus gackzen. doch scheint das nur auf hd. boden annehmbar, und kotzen greift weiter (e); ein urspr. koz- aber neben kok- ist auch nicht undenkbar, vgl. klatzen.

Hiermit kann man mal wieder schön neue Intensiv-Verben herleiten:

denken – dentzen: Intensiv nachgrübeln.
ficken – fitzen: Heftig und lange geschlechtsverkehren.
strecken – stretzen: Bis zum Äußersten dehnen.
überbrücken - überbrützen: "Dank der Agentur für Arbeit konnte ich meine 15 Jahre währende Arbeitlosigkeit erfolgreich überbrützen."

Usw.

Rückwärts naturl genauso (was ist das Gegenteil von Intensiv? Extensiv?):

sitzen – sicken: Nicht ganz sitzen, sondern nur leicht mit dem Gesäß eine potentielle Sitzgelegenheit berühren (eine Tischkante etwa).
unterstützen – unterstücken: „Gib dem Obdachlosen da doch mal ein bisschen Geld.“ „Na gut, ich unterstücke den Penner aber nur mit 10 Cent.“
verletzen - verlecken: "Haste dich verletzt?" "Ne, nur verleckt. Blutet noch nicht mal."
Karsten

Agricola

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Re: Zen-Verbismus
« Antwort #4 am: 2007-12-04, 14:02:19 »
glützen - super gelingen
The future lies in front of me,
but "lies" is all that I can see.

Berthold

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Re: Zen-Verbismus
« Antwort #5 am: 2007-12-04, 14:46:37 »
Ja, auch ich glaube, daß solche Formen or''ntlich was nucken.

&: Jedes Halbjahr einmal, da puck & entschmuck ich sogar die verborŋen Winkerln meiner Wuhn, truck dem Dreck, stuck die Topfpflanze(n), brunck im Sitzen und hoffe, daß ich damit meine liebe Freundin verdöcke. Nix nock es mir diesmal, es hieß, sie sei in die Abruggen gurienz.

Ich schäcke, der amarillo kekünne auf diese Art ein Gedicht schreikßen, oder wägnstens schnicken.
« Letzte Änderung: 2007-12-04, 15:06:31 von Berthold »

amarillo

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Re: Zen-Verbismus
« Antwort #6 am: 2007-12-04, 19:34:56 »
Ich habe das noch nicht ganz geschädelt (gescholden), ist 'glotzen' demnach das Intensivum zu 'gucken'? (Wo ist das 'l' hergekommen?)
ritzen <--> ricken, reken?
flitzen <--> flecken, fleken?
bolzen <--> ballern?
kritzeln <--> krakeln?
klotzen <--> kleckern?

Oder darf ich das alles so aussuchen, wie es mir behüge?
Das Leben strebt mit Urgewalt nach Entstehung und Musik.

Fleischers Karsten

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Re: Zen-Verbismus
« Antwort #7 am: 2007-12-05, 08:14:31 »
Ich habe das noch nicht ganz geschädelt (gescholden), ist 'glotzen' demnach das Intensivum zu 'gucken'? (Wo ist das 'l' hergekommen?)

Tatsalch ist auch für glotzen eine -ken Form im Grimm verzinchen, allerdings nicht in dem Sinne, in dem wir das Verb heutzutage benutzen:

 GLOTZEN, vb., daneben glutzen, glützen und älteres glotzgen, glutzgen, schallnachahmendes wort aus der gruppe glucken, glucksen (s. d.) mit ihren zahlreichen mundartlichen nebenformen wie gloxen, glocksen, glugzen, gluchzen, glutschen u. a., deren spiel sich in den mit kl- anlautenden seitenformen wiederholt; s. auch FISCHER schwäb. 3, 715.

Zitat
ritzen <--> ricken, reken?

Genau, so bölde man das.

Zitat
flitzen <--> flecken, fleken?

Eigelnt flicken. Zu flicken gibt der Grimm übrigens auch eine -zen-Form an: bletzen.

FLICKEN, sarcire, reficere, mhd. vlicken, kein ahd. flicchan überliefert; wenn blicken, nicken, stricken, zwicken auf bleichen, neigen, streichen, zweigen zurückgehen, so liesze flicken ein unerhörtes fleichen oder fleigen im hintergrund erwarten. den begrif des flickens enthalten auch bletzen, büszen.

Ich bin erstohnen...

Zitat
bolzen <--> ballern?

Wo ist denn in ballern die -ken-And? Da pieße eher bolken oder bölken.

Zitat
kritzeln <--> krakeln?

Endet nicht auf -zen. kritzeln kommt von kratzen:

KRITZELN, deminutivum oder iterativum zu kritzen (s. d.), auch nd. fläm. kritzeln (s. 3, a), daneben krisselen (4, d), wie krassen neben kratzen; norw. kritla (s. 2). es findet sich auch krützeln, s. 2, b, siebenb. gritscheln (4, b).

1)  kleines kratzen: kritzeln, scalpere. STIELER 1029, er fügt hinzu gekritzelt, scalpratus (?); z. b. mit einem messer im glase, mit der gabel auf dem teller: lauter dumme streiche (macht er). er krützelt mit der gabel auf dem teller, hengt den kopf u. s. w. LESSING 1, 268, d. junge gel. 3, 1, zu dem ü vgl. u. 2, c der begriff geht doch zugleich schon in das kritzeln als schreiben über (s. 4), wie im folg.: dann sitzet ein fraw und kritzelt in dem angeklebten eierschalenstaub. H. STADEN S 4. so nd. kritzeln DÄHNERT 255b. fläm. gekritseld, gekritscheld eingeschnitten, gezahnt, wie z. b. blätter, s. SCHUERM. 297b, s. dazu kritscheln schnitzeln u. kritzen 1, c.

2)  ein kleines kratzen ist auch kritzeln gleich kitzeln (vgl. kratzen II, 2 selbst als krauen, jucken). ebenso norw. kritla stechend jucken, wie z. b. ein strohhalm auf der haut, kritl n. kitzel, jucken, s. AASEN 238b.

a)  z. b. mit kützeln zusammen: (ehefrau) mit welcher er ungehindert mag scherzlen, sterzelen, merzelen, kützelen, kritzeln, schmützeln u. s. w. FISCHART Garg. 72b (Sch. 123 kitzelen, kritzelen), zur sache s. kitzeln II, 1, b. c;

Zitat
klotzen <--> kleckern?

Endet nicht auf -ken. kleckern ist Iterativ zu klecken.

Zitat
Oder darf ich das alles so aussuchen, wie es mir behüge?

Einfach -tzen gegen -cken austauschen um abzuschwächen und andersrum um zu verstärken.
Nur bei Verben auf -ern oder -eln sesüllest du aufpassen, weil die häufig schon Intensiva oder Iterativa zu -en-Verben sind.

Ansonsten kannste das naturl machen wie du lustig bist.
Karsten

Fleischers Karsten

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Re: Zen-Verbismus
« Antwort #8 am: 2007-12-05, 11:25:54 »
Ich entdak gerade noch etwas im Grimm:

HETZEN, verb. venari, ahd. hazjan, mhd. hetzen (LEXER wb. 1, 1279). eine iterativbildung zu hassen in der alten bedeutung verfolgen (sp. 546), mhd. haჳჳen, die sich zu letzterem eben so verhält wie das verbum nassen, nässen madefacere zu netzen. ein mit hetzen gleichen sinn habendes altes hessen ist wurzelhaft verwandt, hat aber eine andere ableitung, vergl. die ausführungen bei Hesse sp. 1268. über eine nebenform hützen zu hetzen s. an alphabetischer stelle.

Also kann man auch Iterativa zu Verben auf -ssen mit -tzen bilden.
Und nicht nur das, auch den Kausativ:

ETZEN, verhält sich zu essen wie goth. atjan zu itan, bedeutet also essen machen, speisen, füttern, weiden, cibare, pascere, unter der neueren, schlechteren schreibung ätzen bereits 1, 596 vorgetragen.

1)  von menschen: etzen und trenken, mit speise und trank versehen: auch solche thäter nicht beherbergen, behausen, etzen oder trenken, enthalten oder gedulden. landfr. von 1495, auch 1521. 7, 10; und wöllen, das ir den vorgemelten Martin Luther nicht hauset, höfet, etzet, trenket noch enthaltet. LUTHER 2, 430a; denn ein mensch lesset sich wiegen, tragen, etzen und trenken. 6, 66b; Maria hat seiner müssen warten und pflegen, in seugen, etzen, auswischen. tischr. 72a; lasz meine schwester Thamar komen, das sie mich etze. 2 Sam. 13, 5;

(...)

3)  wie etzen zu essen steht auch beizen zu beiszen und wir sahen sp. 1162, dasz essen eigentlich beiszen war. daraus flieszt also die bedeutung von mordere, rodere, beizen für etzen: so man dis pflaster dem viehe über die augengeschwär leget, reiniget es dieselbigen, doch soll mans gezimlich brauchen, dasz es nit zu viel etze. TABERNAEM. 968; und wo sie (die durch das land ziehenden heerhaufen) darein seichen, da etzt es, besser als Hannibals siedender essig, straszen durch die berg, fürnemlich wann sie den kalten seich und die pferd die streng haben. Garg. 223b; ein hauptmanns fluch etzt durch neun harnisch. 244b;


Man, dieses -zen ist ja noch viel vielfältiger als ich anfangs dachte.
Karsten

Fleischers Karsten

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Re: Zen-Verbismus
« Antwort #9 am: 2007-12-05, 11:36:46 »
Da wollte ich doch gerade ein bisschen mit verlassen - verletzen rumblödeln und muss tatsalch feststellen, dass auch hier ein gewisser Zusammenhang besteht:

LETZEN, verb. impedire; laedere; oblectari.
    Die denominativbildung zu lasz (sp. 268) ist allen deutschen sprachen eigen, doch nur in der nächsten bedeutung lasz, d. i. zurückstehend machen, hinter bringen, hindern, abhalten: so goth. latjan; alts. altnfr. lettian, niederl. niederd. letten; ags. lettan, altengl. letten, engl. let; fries. letta; altnord. letja, im dän. und schwed. verschollen; ahd. lezjan, galezzan; erst das mhd. gewährt die zeugnisse dafür, dasz sich das verbum zu seiner so mannigfachen bedeutung auszubilden beginnt. dieselbe geht hier von zwei hauptrichtungen aus.

LASZ, m. das lassen, in verschiedenen bedeutungen des verbums lassen; als einfaches wort selten und nur der ältern sprache eigen; wie unterlasz:

Karsten

Berthold

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Re: Zen-Verbismus
« Antwort #10 am: 2007-12-05, 12:46:22 »
Grimm:
(...)
ETZEN, verhält sich zu essen wie goth. atjan zu itan, bedeutet also essen machen, speisen, füttern, (...)

Ich kenne zwar nur 'atzen' - so ein bisserl Jägersprache, wenn Vögel ihre Jungen füttern (mit der 'Atzung') -, aber die 'Brothers Grimm' werden natchlur recht, ja Recht haben.
&: 'Atzen' im 'GRIMMs' nachzuschlagen, dazu hab ich jetzt keine Lust. 

Fleischers Karsten

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Re: Zen-Verbismus
« Antwort #11 am: 2007-12-05, 12:49:52 »
atzen, ätzen und etzen sind alle drei im Grimm verzinchen, mit der selben Bedaut.
Karsten

Fleischers Karsten

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Re: Zen-Verbismus
« Antwort #12 am: 2007-12-05, 13:12:26 »
Zu den in der Einlut unter 3. (hörbare Vorgänge) aufgefohrenen Verben kann man noch hinzufügen:

KACKEZEN, bair., gestoszen husten (und von ähnlichen lauten), käckezen, wie einer der ein haar verschluckt hat. SCHM. 2, 280, gagkezen 23, östr. kagazen, gagazen (auch krächzen, von elstern HÖFER 2, 102); mit umstellung (s. u. gackzen) schwäb. goazken SCHMID 216, tir. kätzgen beim erbrechen. s. auch kickezen. Ein einfaches kacken oder wie, und ältere zeugnisse mangeln (doch s. käken), aber es stimmt zu nd. kagen husten mit schnupfen br. wb. 2, 716 (daher kägsch unwol DÄHN. 113a, märk. kaow, käöw DANNEIL 98b, wie engl. cough 'coff' gesprochen wird), wenn das nicht nach nl. kuch, engl. cough, nd. köge (s. keichen) für kogen steht. vgl. poln. koklus keuchhusten. Bemerkenswert ist aber die nähe von kachen, kächezen und käcken in form und bedeutung; stark husten, laut lachen, keichen und krächzen geben dem ohr oft einen ziemlich oder ganz gleichen klang, und wie das ags. ceahhettan cachinnari auch cancettan heiszt, so der keichhusten nd. kinkhôst, engl. kinkhaust. bemerkenswert ferner, wie dieselben dinge in sonst gleicher wurzel mit anl. kr- auftreten: krächzen u. a. (krack krähe : kacke dohle), bair. krägezen gleich käckezen vorhin, krächeln, krächsen (md. krexen) ebenso, auch stöhnen, ferner altsl. grochotati cachinnari, und selbst das gackern der hühner heiszt nd. kakeln und krakeln, oberd. krägeln (s. d.), das quaken der frösche kacken und kracken, das käcken, kacken der krähen auch kracken, das geschrei der gänse mhd. gâgen und grâgen (Parz. 282, 14 var.), das md. käken schwed. kräkas: es gehn zwei stämme kr-k und k-k für schreien, grell tönen neben einander durch die verwandten sprachen, die, ursprünglich schallmalend, sich möglichst gegen die lautverschiebung wehren.

 WEHATZEN, verb. hinnire wehaaczen DIEFENBACH nov. gloss. 204a aus einem rheinländ. voc. ex quo von 1476; wêchüzn wehklagen jammern SCHMELLER 22, 824, in den belegen als wehlaut des ebers und des bocks; wewetzen ächzen, jammern UNGER-KHULL 631a. wehatzen als ableitung auf -atzen zur interj. weh tritt neben mhd. achzen, jûchezen, phûchzen, ruckezen, wochezen WILMANNS d. gramm. 22, 109.


Und zu 4.:

WAGITZEN, verb., frequentative bildung von dem verbum wagen I 'sich bewegen': SCHMELLER2 2, 866 (aus einer Münchner hs.) 'nutare'. im jetzigen tirolischen wågitzen in der eingeschränkten bedeutung 'schwankend einhergehen'. SCHÖPF 794, vgl. wakzen.
« Letzte Änderung: 2007-12-05, 14:30:38 von Fleischers Karsten »
Karsten

Fleischers Karsten

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Re: Zen-Verbismus
« Antwort #13 am: 2007-12-05, 14:33:39 »
Weitere Verwundtschen zwischen -tzen und -ssen-Verben:

FRETZEN, venari, pascere, cibare, weiden, füttern, gebildet von fressen, wie etzen von essen, goth. fraatjan ψωμιζειν 1 Cor. 13, 3 und wie beitzen von beiszen.

SCHLITZEN, verb. intensiv zu schleiszen, sich zu diesem verhaltend wie ritzen zu reiszen, spätahd. ist belegt geslizzit, gislizet GRAFF 6, 817 (vgl. unten 6, a), mhd. slitzen.

SCHMITZEN, verb. schlagen, streichen, bestreichen, beschmieren, beflecken. intensivbildung zu schmeiszen (s. dieses); mhd. smitzen mhd. wb. 2, 2, 433b. LEXER mhd. handwb. 2, 1016; ahd. bismizzen, beschmieren, bestreichen, beflecken GRAFF 6, 837; in gleicher bedeutung ags. smittian, mnl. smitten, smetten, beflecken (OUDEMANS 6, 366), neunld. smetten; mnd. smitten, beschmutzen, flecken SCHILLER-LÜBBEN 4, 264b; ebenso neund. smetten TEN DOORNKAAT KOOLMAN 3, 229a, aus dem nd. stammen wol dän. smitte, anstecken, beschmutzen, beflecken, abfärben, schwed. smitta. nahe berührung in bildung und bedeutung zeigen hochd. schmutz, schmutzen. mhd. smutzen bedeutet auch schlagen, vgl. LEXER mhd. handwb. 2, 1020. MAALER 358c verzeichnet smützen in der bedeutung perstringere aliquem, die sonst mit schmitzen verbunden wird. ebenso in anderen alemannischen quellen (vgl. auch schmitzer 1): da hat er das betbůch vor ungedult wider die erd geschmützt. FRANCK chron. (1531) 314a; aber du Sanherib, wän hast du geschmützt oder geschmächt. Züricher bibel Jes. 37;

SCHUTZEN, verb.
1) transitiv, mit plötzlichem stosze schwingen, scharf stoszen (vgl. schutz, nebenform zu schusz 1, sp. 2122);

SCHÜTZEN, verb.
1) tueri, defendere, arcere; intensivbildung zu dem starken verbum schieszen, ahd. nicht bezeugt, im ags. als scyttan, riegel vorstoszen, sperren, engl. shut, altfries. sketta verschlieszen, mnd., mnl. schutten, einschlieszen, einfriedigen, hindern, wehren, vorhanden, mhd. als schützen seltener und  nur in mitteldeutschen quellen auftretend, während im oberdeutschen ein anderes in der form ähnliches verbum beschüten, beschütten, zu schutt wall (sp. 2104) gehörig, den begriff des schirmens ausdrückt (vgl. th. 1, 1599, wo aber die beziehung dieses wortes zu schützen, beschützen anders dargestellt ist). schützen und sein verbalsubstantiv schutz (oben sp. 2120) haben die bedeutung des schirmens und wehrens aus der des absperrens durch riegel und balken bei der vertheidigung des eigenen engeren hauswesens herausgebildet, indesz oberdeutsches beschütten hierbei von wall und landwehr um eine stadt ausgegangen ist. seit dem beginn des nhd. ist das letztere vor dem nach süden dringenden schützen gewichen, doch ist dieses bis zur eigentlichen einbürgerung in oberdeutsche mundarten nicht gediehen.


Und dann gibt's da noch eine andere Verwundtsch:

SCHNITZEN, verb. in kleine stücke schneiden, wiederholt oder anhaltend schneiden, durch anhaltendes schneiden herstellen. intensivbildung zu schneiden, vgl. daselbst. ahd. snitzen (nur in den ableitungen snizzare, snizzer plastes, und snezzunga) GRAFF 6, 844 f., mhd. s. LEXER handwb. 2, 1039; auszerhalb des deutschen auch im dän. als snitte in gleicher bedeutung, schwed. snitta nur mundartlich RIETZ 642a. die bildung ist nicht mit WEIGAND 2, 621 als verkürzung von snîdezzen zu fassen, -- eine solche ist in ahd. zeit nicht wol denkbar -- sondern als urgerm. *snittan (assimiliert aus snit-nan, s. NOREEN urgerm. lautl. s. 155), welches mit stutzen zu stoszen, schnupfen zu schnieben, nicken zu neigen, zocken und zucken zu ziehen u. a. analog ist. neben schnitzen begegnet auch schnetzen (mit a-umlaut, schon ahd., s. oben), siehe dieses. in neuern nd. mundarten snitjen brem. wb. 4, 892. TEN DOORNKAAT KOOLMAN 3, 246b, snidjen SCHAMBACH 200a, vielleicht aus der schriftsprache übernommen.
Karsten

Fleischers Karsten

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Re: Zen-Verbismus
« Antwort #14 am: 2007-12-05, 15:34:09 »
Die Überschrift zu Punkt 5.) in der Eingangspost kekünne noch erwierten werden zu Geruch, Geschmack, Erscheinungsbild und Art. Die Grimms verzeichnen eine ganze Menge -enzen-Verben:

ENZEN, eine geruch oder geschmack anzeigende verbalendung, s. bockenzen, fischenzen, fleischenzen, judenzen, kinderenzen, knoblochenzen, kupferenzen, mönchenzen, pabstenzen, rauchenzen, wildenzen. auch faulenzen darf so genommen werden.

BERGENZEN, indolem metallicorum prae se ferre, die art und weise der bergleute an sich tragen. bergenzend ist bergmännisch.

BOCKENZEN, hircum olere, foetere, mhd. bökzen (BEN. 1, 220b):

wie bockenzt er von reuberei,
von diebstal und finanzerei.
HAYNECCIUS Hansofr. 4, 3.
STEINBACH hat böckelinzen, vgl. fischinzen, grüninzen, nach fischen, nach frischem grün riechen u. a. m.

FISCHENZEN,
1) in piscem desinere: fischenzende meerwunder. PRAETORIUS weltb. 1, 387.
2) piscem olere. SCHMELLER 1, 573.

GALGENZEN, nach dem galgen riechen. LUDWIG 684 (vergl. 'galgägtig, nach dem galgen riechend' M. KRAMER nl. wb. 1787); in M. KRAMERS deutsch-nl. wb. aber galgenzen, gehangen werden.

GRIECHENZEN, vb., bildung wie bockenzen, fischenzen, judenzen (s. KLUGE 7 128 u. faulenzen); eigentlich: nach den Griechen schmecken oder riechen, dann: griechisches wesen, griechische kunst nachahmen:

GRUBENZEN, vb., nach der grube riechen, dem tode nahe sein KRAMER teutsch-ital. 1, 571a; vgl. grubeinen.

GRUNENZEN,gruninzen, vb., ableitung durch suffixales -enzen aus altem subst. gruon 'das grün' (vgl. sp. 640, in schles. widergrûn erhalten), mundartl. im schles.: grunenzen grün riechen

HEIDENZEN, verb. zur heidenart hinneigen: wäre gut, es wären allein die heidenzende juden solche greuliche leute gewesen. DANHAWER catechismusmilch (Straszburg 1666) 8, 822. s. judenzen.

JUDENZEN, verb. jüdische art an sich tragen und hervorkehren (vgl. jüdeln); so in denken und anschauungen:

KNECHTENZEN, knechtartig sein, ergibt sich aus dem osterl. 'sich knechtenzen(d) kleiden', gewöhnlich, einfach (BECH).

KOFENZEN, nach kofent schmecken: das bier schmeckt gar kofenzend. SCHMOTTHER 2, 388 (sächs.); s. -enzen.

KÜCHENZEN, nach der küche riechen. STIELER 1001, LUDWIG, M. KRAMER 1787.

KUPFERENZEN, nach kupfer riechen, schmecken u. ä. STIELER 941 (auch kupferzen)

SÜSZENZEN, vb., vom typus faulenzen (s. WILMANNS gr. 2, 110), in der bedeutung wie süszeln 1 '(etwas) süsz schmecken oder riechen', aber ohne üblen beisinn.

MÖNCHENZEN, verb. sich als mönch zeigen, den mönch sehen lassen: so gehn wir umb (in der fastnacht) umschanzen, prassen, rassen, danzen, mummen, .. teufelenzen, mönchenzen, weibenzen und türkenzen. Garg. 50b; mönchenzend möncherei. 203b.

MURENZEN, verb. nach moor schmecken oder riechen

MUSKENZEN, verb. würzig schmecken wie muskat:

ÖLENZEN, verb. nach öl riechen, schmecken STIELER 1382. vgl. ölelen.

PAPENZEN, verb., intens. zum vorigen, mit bezug auf papa (papst): dasz die unsern darinn papentzen, dasz sie ketzerei vor ein straffbares verbrechen halten. THOMASIUS schr. 1, 254; die päbstischen oder papentzenden bannpriester. 279. s. Germania 29, 388.

PAPSTENZEN, verb. religionem papalem prae se ferre, pabstenzen. STIELER 1404.

RÄUCHERENZEN, verb. nach rauch schmecken

SCHWEBELENZEN, verb., ableitung von schwebel = schwefel

SCHWEISZENZEN, verb. schwitzen, nach schweisz riechen

Karsten