2 Balladen

Begonnen von Vorbeischauer, 2020-09-11, 23:34:48

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Vorbeischauer

Hallo,
ich habe mich jetzt auch einmal an neutscher Ducht versoochen und memönke die Resultaten hier einfach mal hinschreiben. Das erste ist vom Reimigkeiten-Faden mitinspiroren. Ich fröe mich sehr über Reaktionen:

1. Die Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitänsmütze

Des Donaudampfschifffahrtsgesell-
schaftskapitänes Mütze
Fiel flugs von dem nicht allerhell-
sten Kopf in eine Pfütze.
Doch der kekunn vor Ekel kaum
Zum Aufhub sich entschließen;
So lag im Dreck sie noch gerau-
me Zeit zu Seemannsfüßen.

Und als der Kapitänsanwär-
ter endlich sich entschlossen,
Da riss sie eine Bö – wie är-
gerlich! - ihm aus den Flossen,
Und trieb die Mütze bis nach Rü-
gen nordwärts vor sich her;
Des Kapitänes Hände blie-
ben dreckig – aber leer.

Hoch oben über Rügens Krei-
defelsenkalksteinklüften,
Da warlb herum die blaue, klei-
ne Mütze in den Lüften.
Und kaum war trocken sie durch Bö
Und warme Sonnenstrahlen,
Da schnupp sie eine dreiste Mö-
we, ohne zu bezahlen,

Und schlapp das Diebesgut zu ih-
ren Küken; die zerruffen
Die Mütze – doch nur fast, denn sie
War vorher knapp entschluffen,
Schlotort die Klippen dann ratzfatz
Hinab bis an den Strand,
Wo endlich einen ruhigen Platz
Zur Ausruhe sie fand.

Allhier gefiel es ihr zwar jet-
zo eigentlich ganz gut,
Doch nach der Ebbe kam – wer hätt's
Gedacht – auch wieder Flut.
Und so wurd' Donauseide, sehr
Von Mondeskraft bewogen,
Erst weit, dann weiter, weiterer
Ins Meer hinausgezogen.

Da trieb die Mütze traurig zwi-
schen Quallen, Plastiktüten,
Vergulmmenen, verful'nen Fi-
schen, alten Bootskajüten;
Die hingen mit vergulb'nem Lack
In riss'gen Fischernetzen,
Und stiemen wohl von einem Wrack,
Das einst mit wen'gen Schätzen

Versunken war im Abfallmeer.
Der einz'ge Schatz des Schiffes,
Ein Teppich, leider nur aus Schwer-
öl, hing am Rand des Riffes.
Der Donaumütze blauer Glast
Begann schon zu verbleichen,
So fiohl sie sich im Mülle fast
Wie unter ihresgleichen.

Und als der Kopfbedack so trieb
Voll Trübsal die Gedanken,
So wisst, dass keineswegs er blieb
Sehr lang im Wellenschwanken.
So hört denn nun die traur'ge Mär!
(Doch sei es unverhohlen:
Es ist ja alles ohn' Gewähr.)
Und so ward's mir erzohlen:

Es kam ein Weißer Hai, der schlock
Das Hutwerk mit Verlangen,
Noch eben frei und jetzt – o Schreck!
– in einem Hai gefangen!
In dessen Magen fand sich schnell
In widerlicher Grütze
Des Donaudampfschifffahrtsgesell-
schaftskapitänes Mütze.

Vorbeischauer

#1
2. Frommer Vorsatz eines Kolosseumslöwen

Von Wimpeln, roten, grünen, blau-
en fiallen sich die Ränge,
Es drong sich schon, den Kampf zu schau-
en, dicht die Menschenmenge.
Der Leute Warteschlange stund
Begierig neuer Kunde,
Man run sich zu des Wartens Grund,
Es wornd von Mund zu Munde:

Für Missetaten solle ein
Verbrecher schwer bezahlen,
Doch schaffe dies dem Löwen Pein
Und große Seelenqualen.
Der habe Lust am Töten zwar,
Doch hab' er auch Gewissen.
Und dieser beider Mosch ist wahr-
lich ordentlich beschissen.

Des Löwenschmerzes Ursach' war
Durch Meldungen beschoren,
Es werde besser vegetar-
'sche Kost als Fleisch verzohren.
Das brachte nun die Löwenpsy-
che ordentlich ins Wanken,
Und selbigen auf ganz schön grü-
beldüstere Gedanken:

»Ich brauche dringend Fleischverzicht,
Muss mein Gewissen stillen;
Und bräucht' ich solchen zusalz nicht
Auch um der Umwelt willen?
Es wird nicht bloß der Erderworm
Sich dadurch widersotzen,
Nein, auch dem Leibe wird enorm
Gesundheitlich genotzen.

Das ganze rohe Fleisch ist nicht
Im mindesten gesund.
Es führt zu fürchterlicher Gicht:
So lautet der Befund,
Den Stund' um Stunde viele wah-
re Studien beweisen.
Und außerdem schmeckt Gladia-
tor meistens eh nach Eisen.

Ja, wär' das Zeug doch wenigstens
Ganz anständig gerusten,
Garnor'n – nach Kiehnles Kompetenz
- mit Marinadenkrusten,
Mit Rosmarin und Thymian!
Ansonsten ess' ich wohl
Viel lieber doch mit Parmesan
Geworz'nen Blumenkohl.

Und fest wie dieses wunderba-
ren Kolosseums Wände,
Erbaut für lange Zeit von Scha-
ren arbeitsamer Hände,
So unberückbar steht mein Vor-
satz, fest und ohne Schwanken.
Und dies ist, was ich selbst mir schwor
Bei meinen beiden Pranken:

An sechsen Tagen in der Wo-
che fress' ich nur noch Heu,
Denn letzten Endes bin ich doch
Ein flexitar'scher Leu.
Und Menschen fress' ich nur noch frei-
tags, und auch niemals fette,
Den Rest der Woche reicht mir ei-
ne Proteintablette.

Zwar mag ich Töten durchaus sehr,
Umjolben von den Massen,
Doch gibt es eben noch viel mehr
Der Gründe, es zu lassen.
Ja, wirkt nicht alles, was man mag,
Noch tausendmal so gut,
Wenn solcherlei in sieben Ta-
gen man nur einmal tut?«

Alsdann begann das Tunnelgit-
ter langsam sich zu heben,
Und unter lautem Johlen schritt
Der Leu dem Licht entgegen,
Schritt zur Arena rasch hinan
In absoluter Ruh',
Und ohne Zögern griff er dann
Mit vollen Pranken zu.

Den armen Menschen griff das kal-
te Grauen; schwer entsotzen
Ward durch den Leuen er alsbald
Ganz blitzeblank verpotzen.
So mancher sich nun fragen mag:
Was soll denn diese Wende?
- Nun ja, so wisst, am nächsten Tag
Begann das Wochenende...

ku

Großartig! Mehrere Schapöe. Hoffentlich gibts noch weitere Balladen von dir.

Vorbeischauer

Danke! Werde mal sehen, wann mir wieder was einfällt...

amarillo

Da schlösse ich mich gerne vollinhallt dem Kollegen Ku an: meisterliche Ducht, weiter!
Das Leben strebt mit Urgewalt nach Entstehung und Musik.

Vorbeischauer

Nachdem es in den letzten Tagen ja etwas jeschnieet, möchte ich mich auch wieder einmal im Duchtbereich melden:

Gänsepredigt im Schnee

Es schnattern die Gänse mit Staunen,
Es schnattern die Gänse so schnelle:
»Ihr Damen, ihr Herren, die Daunen,
Sie fallen vom Himmel so helle!«

Da rennen sie alle in Raunen,
Verlassen entstiebend die Ställe,
Sie schnattern nicht, nur noch sie staunen
Und bilden aus Schnee bald schon Bälle,

Bewerfen dann damit einander,
Was ist das ein Treiben, ein Trubel!
Die Gänse, die Gössel, die Ganter,
Sie jagen einander im Jubel.

Und als die Entzuck endlich legt sich,
Da sammeln sich alle im Kreise,
Kein Wispern, und niemand bewegt sich,
Sie lagern sich reglos und leise.

Und endlich erhebt sich die Alte,
Vom Vorjahr noch übergeblieben,
Erzählt, wer dort oben wohl walte,
Und leise beginnt sie: »Ihr Lieben,

Es federt dort auf ihr Gefieder
Gans Holle im himmlischen Reiche,
Da nieseln die Daunen hernieder,
So wollige, flauschige, weiche.

Und ahnt ihr, warum es erfüllet
Jed's Gänseleinherze mit Glücksal,
Wenn heut' alles weiß wird verhüllet
Von Schneeflocken solch großer Stückzahl?

Es kündet der Schnee an die Wende,
Es mahnet das Eis uns zur Eintracht,
Es kömmt unserm Elend ein Ende,
Es gehet zur Neige die Weihnacht!

Doch frömmlich gedenkt auch der Freunde
Die hart ihre Sünden hier bossen,
Zur Strafe zum Feste dem Feinde
Gesotten die Weihnacht versossen.«

Und traurig ein Tränchen verdrücket,
Das Gänslein vor Gram übern Vater,
Die Mutter ein Blümlein zerpflücket
Fürs Küken - das holte der Kater.

Und als sich gelegt dann das Heulen,
Nahm auf ihre Predigt die Alte:
»Auf ewig auch wir nicht verweilen;
So hofft, dass der HERR uns erhalte,

Der Gänseherr, gütige, droben,
Der Ganter im Himmel, der große.
Den achtet, damit ER einst oben
Euch schützend behüte im Schoße.

Der Heiland nur kann uns erhöhen,
Wenn ER einst erscheinet, so werden
Im Winde die Menschen verwehen -
Gerotten die Gänse auf Erden.

Seht Frühlings ihr nicht große Scharen,
Wenn Tales der Schnee ist getauen,
Die vielen, die von hinnen fahren,
Die Wildgänsegeister, die grauen?

Gewahrt, wie deß Weltes sie zeuchen
In Lüften voll leuchtenden Lichtes,
Und schwärzlich in Schwärmen sie schweifen,
Und harren des Gänsegerichtes.

Es wird jede Gans dann gewogen,
ER macht's, wie die Menschen es machten,
Wer Lebens zu häufig gelogen,
Wird schließlich dann Himmels geschlachten.

Wer aber gerecht wewull handeln,
Wird vor dem Gerichte geschonen
Darf über die Wolken dann wandeln,
Mit kölstesten Körnern entlohnen.

Bevor ich beend' meine Predigt,
Lasst rühmen uns nun Seinen Namen.
Und damit es vollends erledigt:
So nehmt Gottes Segen, und Amen!«

amarillo

Sehr hypsch! Besonders eine Zeile hat es mir angetan: "Der Ganter im Himmel, der große..."
PerVerse wissen warum
Das Leben strebt mit Urgewalt nach Entstehung und Musik.

katakura

Zitat von: amarillo am 2021-01-28, 21:04:04
Sehr hypsch! Besonders eine Zeile hat es mir angetan: "Der Ganter im Himmel, der große..."

... wird hoffelnt beifällig nickend herabschauen auf den duben, der ihm gewomden ist ...
Toleranz ist vor allem die Erkenntnis, dass es keinen Sinn hat, sich aufzuregen. (Helmut Qualtinger)

Stollentroll

Davon kann, nein, muss man ausgehen.
Meisterliche Sicht  :D
3 Dinge sagen immer die Wahrheit : Kinder, Besoffene und Leggings.