Autor Thema: Präfixverben  (Gelesen 10969 mal)

Kilian

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Präfixverben
« am: 2007-03-27, 23:46:59 »
Ich trage das Thema schon etwas länger mit mir herum, aber es ist so weitläufig, dass ich gar nicht wusste, wo beginnen. Jetzt hat mir eine Anregung von Agricola zu einem Einstieg verholfen:

"Die Blähungen versetzen sich in den Gedärmen."

Wer hätte diese Bedeutung hinter dem Verb versetzen vermoten? Warum verändert ein Präfix wie ver- die Bedeutung des Verbs setzen so derart unvorhersagbar? Und nicht nur in diese Richtung, es kann ja auch (notgedrungen) veräußern, bestellen und nicht abholen oder von A nach B bewegen bedeuten. Was die Präfixe be-, ge-, ent-, er-, ver- und zer- so Unvorhersagbares und Vielfältiges mit Verbbedeutungen machen, geht auf keine Kuhhaut und ruft bei Deutsch Lernenden bestimmt wüste Flüche in Massen hervor.

(Von Partikelverben wie durchfahren, übersetzen, umfahren, umgehen, unterstellen oder wiederholen mal ganz zu schweigen. Die genannten Beispiele gibt es in einer unfesten, d.h. auf der vorangestollenen Partikel betonten und trennbaren, sowie in einer festen, d.h. auf dem Stamm betonten, nicht trennbaren Variante, die jeweils etwas völlig Unterschiedliches bedeuten, aber das wäre einen eigenen Faden wert, und es wurde in diesem Forum auch schon anlalß der ganzen P-Konjugationen einiges dazu gesagt.)

Nein, tragen wir in diesem Faden, so sich herausstellt, dass das Amüsement, und das glaube ich, den Aufwand lohnt, lediglich Präfixverben zusammen, bevorzugt solche mit einem bunten Strauß von alltäglichen und behördlichen Bedeutungen, deren Auseinandergehen Augen hervortreten und Schädeldecken sich heben lässt. Auf geht's:

sich versetzen - sich stauen
jemanden versetzen - zu einer Verabredung nicht erscheinen
jemanden versetzen - jemandem einen anderen Posten, jemanden einer anderen Klasse zuweisen
etwas versetzen - bewegen
etwas versetzen - (notgedrungen) versilbern
etwas mit etwas versetzen - hinzufügen
jemandem/etwam etwas versetzen - zufügen

sich verkaufen (umgangssprachlich) - das Falsche kaufen
etwas verkaufen - gegen Geld übereignen

sich enthalten - sich abstinieren
etwas enthalten - beinhalten

etwas bekommen - erhalten
jemandem bekommen - gut tun

etwas begehen - verüben
etwas begehen - betreten, besichtigen

sich [Gen.] begeben - auf etwas verzichten, sich dessen entledigen (oh, was ist der Genitiv zu etwas?)
sich begeben - sich ereignen
sich [Ortsangabe] begeben - wohin gehen

sich ergeben - aufgeben, sich überantwortenin
etwas ergeben - als Resultat haben

jemandem etwas bestellen - ausrichten
etwas mit etwas bestellen - darin oder darauf aufstellen
etwas bestellen - anfordern
(das Feld) bestellen - kultivieren, pflegen
um etwas bestellt sein - in einem Zustand sein
« Letzte Änderung: 2007-05-30, 00:07:09 von Kilian »

Agricola

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Re: Präfixverben
« Antwort #1 am: 2007-03-28, 00:19:28 »
einen Raum mit Stühlen bestellen
es war mit einer Sache nicht gut bestellt

sich begeben - sich ereignen
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Reimbeutel

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Re: Präfixverben
« Antwort #2 am: 2007-05-03, 12:12:09 »
Ja, da könnte ich doch, quasi als Einstieg, zwei meiner Gedichte präsentieren, sie sich mit just diesem Thema befassen - oder wäre es bei ZWEI Gedichten dann ein Zweistieg? Wie auch immer:

Das erste Gedicht trägt den Titel

"-nunft"

Dank der -einten Willenskraft
wird das „ver-“ ganz abgeschafft!

Ich sag euch das eine: Künftig
werden alle Leute -nünftig!
Alles wird sich umgestalten:
Menschen werden sich dann -halten,
Reiche nur ihr -mögen -mehren,
Männer dann mit Frauen -kehren,
ab und zu im Bett mal -sagen,
die Gerichte werden -tagen,
-handeln und ein Urteil -künden.

Priester -geben uns die Sünden,
man kann sich den Magen -stimmen,
Starke werden Schwache -trimmen,
viele werden ungebeten
ihren Chef im Urlaub -treten,
Menschen werden andre -lassen,
wer zu spät kommt, der wird -passen,
die Regierung mit dem größten
-gnügen -schaukeln uns und -trösten
und sich in den meisten Fällen
in der Öffentlichkeit -stellen.

Wenn es an dem „ver-“ nicht läge,
unterschrieben Sportler -träge,
Schilder würden nur noch -bieten,
-mieter an die Mieter -mieten,
und man würde unter Gleichen
sich fortan die Hände reichen.

Denkt euch nur: Ganz plötzlich müßten
-hören uns die Polizisten,
Kriegs-brecher, die Waffen -wenden,
würden so den Krieg beenden.
Bomben würden plötzlich -nichten,
wenn nur auf das „ver-“ wir -zichten,
und Kadaver würden -wesen!
Wenn wir diese Zeilen lesen,
wird allmählich uns bewußt – :
Schön wär’ diese Art von -lust.


Nachfolgend das zweite Gedicht mit dem Titel:

"Realitäts-zug"

Besser wär’s, wir würden lernen,
manche Silben zu entfernen,
und somit aus schlimmen Sachen
ohne Präfix schöne machen –
ohne „be-“ zum Beispiel wär’
unser Leben halb so schwer:

Wenn wir es beiseite ließen,
wären Feinde nur zum -schießen,
Vorgesetzte würden -fehlen,
bei Gericht nur -Weise zählen,
Menschen würden sich dann -kriegen
und sich in den Armen liegen,
und all die vor Liebe Blinden
würden sich im Zweifel -finden.
Köche lernten schon beizeiten
Tiere richtig zuzu-reiten,
und Jehovas Zeugen wären
auf den Straßen, um zu -kehren.

Darum soll man nun entscheiden,
diese Silbe abzuschneiden!
Schöner – heißt das Resümee –
wär’ das Leben ohne „be-“.

Würde es uns dann gelingen,
sie woanders anzubringen,
und man würd’ aus schlimmen Sachen
mit dem Präfix schöne machen,
da wir oftmals an gewissen
Stellen dieses „be-“ vermissen,

keiner würde sich mehr schämen,
sich dann viel mehr zu be-nehmen,
noch sich bei Friseur’n beschweren,
wenn sie Haupthaar uns be-scheren.
Es beschränkten sich die Pflichten
eines Richters auf’s be-richten,
und es würde dazu führen,
daß Soldaten sich be-rühren.
Auch wird die Erkenntnis reifen:
Frauen sollte man be-greifen.
Außerdem gäb’s sicherlich
nur Be-Freier auf dem Strich.

Darum will ich darum bitten,
diese Silbe anzukitten!
Schöner – heißt das Resümee –
wär’ es mit der Silbe „be-“.

Um nun zum Be-schluß zu kommen:
Wird der Antrag angenommen?
Bitte mal die Hände heben…
eben.

Wichtig ist nur, zu erkennen:
Wo ist etwas abzutrennen,
wo etwas hinzuzufügen?
Beim Verändern viel Vergnügen
wünscht euch M. J. Schönen, euer
Sprachverbesserungeheuer.


katakura

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Re: Präfixverben
« Antwort #3 am: 2007-05-08, 10:19:54 »
Ja, da könnte ich doch, quasi als Einstieg, zwei meiner Gedichte präsentieren, sie sich mit just diesem Thema befassen - oder wäre es bei ZWEI Gedichten dann ein Zweistieg?

... klasse! absolut witzig und von morgensternschem format! bitte mehr davon! ...
Toleranz ist vor allem die Erkenntnis, dass es keinen Sinn hat, sich aufzuregen. (Helmut Qualtinger)

Agricola

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Re: Präfixverben
« Antwort #4 am: 2007-05-08, 12:02:08 »
Ganz toll!
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Stollentroll

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Re: Präfixverben
« Antwort #5 am: 2007-05-09, 10:02:02 »
Grosse Literatur ! Gibts noch einen Nachschlag ?
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Reimbeutel

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Re: Präfixverben
« Antwort #6 am: 2007-05-23, 15:08:57 »
Zunächst nicht, ich wollte das Thema ja auch nicht ausgelietsch haben...


Merlot

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Re: Präfixverben
« Antwort #7 am: 2007-05-25, 22:32:28 »
    Hi, Killian!
    Apropos Präfixverben habe ich unlängst einen peinlichen Schnitzer in einem US-Zeitschriftsartikel über die Skinheads in Deutschland entdeckt, und zwar eine Übersetzung aus dem Deutschen:"Nationalsozialismus erkämpfen". Das Englische hat gelautet: "Fighting National Socialism" (Nationalsozialismus BE-kämpfen) statt des einzig richtigen "Fighting for National Socialism", also mit einem vollkommen anderen Sinn. Jedoch hätte der Kontext der Situation allein dem Übersetzer ein grünes Licht zur logischen Bedeutung "..erkämpfen" gegeben!

Anscheinend sei dem Übersetzer des Unterschieds zwischen "etw. bekämpfen" und "etw. erkämpfen" nicht bewusst. Oder es sei ein Tippfehler. -:) War trotzdem falsch der Satz und ärgerlich ein solcher Fehler, denn sowas vermittelt dem Leser ein verkehrtes Bild dieser Lage.

Oder bin ich halt zu sensibel?

Gruss!
Merlot
« Letzte Änderung: 2007-05-26, 16:32:20 von Merlot »

Kilian

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Re: Präfixverben
« Antwort #8 am: 2007-05-29, 09:46:24 »
Tja, heikel, diese Präfixverben, da kann ein kleiner Fehler leicht mal den gegenteiligen Sinn ergeben. Ich möchte Deutsch nicht als Fremdsprache lernen müssen. :o

Als ich gerade "...Koffeinschock versetzt" statt "...Kohlensäure versetzt" auf einer Mineralwasserflasche las, offenburen sich zwei weitere Bedeutungen für das oben bislang nur vierfaltig verzinchene versetzen.

Agricola

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Re: Präfixverben
« Antwort #9 am: 2007-05-29, 10:46:28 »
jemandem/etwam etwas versetzen - zufügen
Die Form "etwam" gefällt mir sehr gut. Ist sie schon Kanonen isoren?

Im übrigen mirkt der Schüler wahrscheinlich erst, wenn er nicht versotzen wird, dass das Verb auch noch eine weitere Bedüt hat.
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Kilian

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Re: Präfixverben
« Antwort #10 am: 2007-05-30, 00:08:27 »
Nummer sieben! Wow! Danke. Mehr als eine düstere Erinnerung, in diesem Forum schon mal über etwas Ähnliches wie etwam sprechen gesehen haben, habe ich nicht. Das memüsse man mal einfädeln.

Merlot

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Re: Präfixverben
« Antwort #11 am: 2007-05-30, 14:28:20 »
Kilian!

"Versetzen" kann man auch Berge (nur ich nicht, soooo glaubensstark bin ich kaum) :) :)!!
.......aber in meine Lage v_ _ _ _ _ _ _ n, kannst du dich schon, oder?
Merlot

Berthold

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Re: Präfixverben
« Antwort #12 am: 2007-05-30, 15:20:57 »
Das Versätzen, hin- & dagegen, ist die Verfuss scharfer, ätzender Verse.
« Letzte Änderung: 2007-05-30, 15:36:25 von Berthold »

Agricola

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Re: Präfixverben
« Antwort #13 am: 2007-05-30, 15:27:43 »
Wenn jemand beim Roulette sein ganzes Vermögen auf die falsche Zahl setzt, kann man nur sagen, dass er sich leider sehr versetzt hat.
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Merlot

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Re: Präfixverben
« Antwort #14 am: 2007-05-30, 17:16:37 »
......und wenn ich mich darauf (das Roulette) verlassen würde, dann wäre ich richtig verlassen!! -:)
Merlot