Präsens-Form von "verschollen"??

Begonnen von humor-vitreus, 2005-02-15, 16:25:37

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humor-vitreus

evtl. ist das hier ENDLICH eine Plattform für meine lange gesuchte Präsens-Form von "verschollen"??
Heißt es dann nicht "Ich verschelle gerade"??? :-)

verschellen, verscholl(t), verschollen (verscholtet?)

s.a. nä. eintrag!!  ;)

gehabt gehabt

verschollen ist laut dem Wahrig Woerterbuch das Partizip des ungebraeuchlichen Verbs "verschallen"= "aufhoeren zu schallen, verklingen"

Es wird wie erschallen konjugoren:

es erscholl Gelaechter
unser Rufen verscholl im Nichts

etc.

Arnymenos

Aber "er ist verschollen" hat doch nichts mit seinem Klang zu tun, sondern mit seinem Aufenthaltsort. Es gibt "zerschellen" mit Partizip "zerschollen" im Sinne von "durch Aufprall auf etwas deutlich Stabileres in viele Teile zerbrechen". Aber "verschellen, ich verschelle, er verschillt?" habe ich so auch noch nicht gehoert. Also wuerde ich sagen, "verschollen" ist nurmehr ein Adjektiv (fuers "Zustandspassiv").

amarillo

Zitat von: Arnymenos am 2005-02-16, 21:00:44
Aber "er ist verschollen" hat doch nichts mit seinem Klang zu tun, sondern mit seinem Aufenthaltsort. Es gibt "zerschellen" mit Partizip "zerschollen" im Sinne von "durch Aufprall auf etwas deutlich Stabileres in viele Teile zerbrechen".

Ist das Flugzeug nicht am Berg "zerschellt"? 'Tschuldigung für die schwache Form.

Mich erinnert das ein wenig an "schwellen" : mein Finger ist geschwollen - Wespenstich.
Er betrat den Raum mit stolzgeschwellter Brust.

Verschollen von verschallen ist doch prima zu semantisieren. Kein Aas hört meine Stimme mehr (weil hinter den Bergen, bei den...), also bin ich (mit meiner Stimme) verschollen.
Das Leben strebt mit Urgewalt nach Entstehung und Musik.

caru

eben. es heißt "das flugzeug zerschellte" aber "der ruf erscholl".

bei schwellen ist das anders, da gibt es zwei PPP-formen für dasselbe verb; schallen und schellen sind aber verschiedene (wenn auch eng verwandte) verben.
(\___/)
(>´x´<)
('.')__('.')

Nijntje - de echte nederlandse konijn

Kilian

Zitat von: amarillo am 2005-02-16, 21:14:21Verschollen von verschallen ist doch prima zu semantisieren. Kein Aas hört meine Stimme mehr (weil hinter den Bergen, bei den...), also bin ich (mit meiner Stimme) verschollen.

Das ist die Erklärung; die Bedeutung hat sich halt gewolnden. Inzwischen wird verschollen nurmehr als Adjektiv geholnden.

ZitatMich erinnert das ein wenig an "schwellen" : mein Finger ist geschwollen - Wespenstich.
Er betrat den Raum mit stolzgeschwellter Brust.

Im zweiten Fall ist schwellen kausativ und transitiv: Der Stolz schwellt die Brust; der Finger hingeben schwillt selbst.

amarillo

Zitat von: Kilian am 2005-02-16, 21:46:09
Im zweiten Fall ist schwellen kausativ und transitiv: Der Stolz schwellt die Brust; der Finger hingeben schwillt selbst.

Alles klar, sehe ich ein.  :)
Das Leben strebt mit Urgewalt nach Entstehung und Musik.

MrMagoo

Zitat von: amarillo am 2005-02-16, 21:57:05
Zitat von: Kilian am 2005-02-16, 21:46:09
Im zweiten Fall ist schwellen kausativ und transitiv: Der Stolz schwellt die Brust; der Finger hingeben schwillt selbst.

Alles klar, sehe ich ein.  :)


Der Stolz schwellt zwar die Brust, die Brust (selbst) jedoch ist "stolzgeschwollen".
Wâ mag ich mich nu vinden? wâ mac ich mich nu suochen, wâ? nu bin ich hie und bin ouch dâ und enbin doch weder dâ noch hie. wer wart ouch sus verirret ie? wer wart ie sus zerteilet mê?
(Gottfried von Straßburg)

Kilian

Aber eben auch vom Stolze geschwellt (Zustandspassiv des transitiven Verbs).

MrMagoo

Oh ja, das hatte ich gerade verdrongen... Genau wie etwas, das mir diesbezüglich manchmal im Kopf herumsponn:

Das Zustandspassiv eines transitiven Verbs wird ebenso geformt wie das Perfekt eines intransitiven Verbs mit "sein".

Kann das Zustandspassiv somit aus einem intransitiven sein-Perfekt entstanden, bzw. das intransitive sein-Perfekt aus einem Zustandspassiv entstanden sein?

Ich habe mal gelesen oder gehört, daß das Partizip2 bei denjenigen Verben, die das Perfekt mit "sein" bilden, passivischen, bei allen anderen aktivischen Sinn hat(te). Weiß jemand mehr darüber?
Wâ mag ich mich nu vinden? wâ mac ich mich nu suochen, wâ? nu bin ich hie und bin ouch dâ und enbin doch weder dâ noch hie. wer wart ouch sus verirret ie? wer wart ie sus zerteilet mê?
(Gottfried von Straßburg)

gehabt gehabt

Schellen heisst "schallen machen"

Ich schellte und die Glocke schallte (oder auch aelter: scholl).

Verschallen kommt von schallen
Zerschellen kommt von "schellen"und heisst uebertragen "schellend auseinanderbrechend":


humor-vitreus

Zitat von: Arnymenos am 2005-02-16, 21:00:44
Aber "er ist verschollen" hat doch nichts mit seinem Klang zu tun, sondern mit seinem Aufenthaltsort. Es gibt "zerschellen" mit Partizip "zerschollen" im Sinne von "durch Aufprall auf etwas deutlich Stabileres in viele Teile zerbrechen". Aber "verschellen, ich verschelle, er verschillt?" habe ich so auch noch nicht gehoert. Also wuerde ich sagen, "verschollen" ist nurmehr ein Adjektiv (fuers "Zustandspassiv").

Ja, aber es gibt ja tatsächlich im Normaldeutschen den Präsens von "verschollen" gar nicht.  :'(
Deshalb müsste man ihn erfinden, also: Ich verschelle oder verschille...
Und das Futur: Ich werde verschellen...  :D

Arnymenos

Ah, okay. Dann also "zerschellt". hmm...

Jürg Henneberger

Habe amüsiert eure etymologischen Erörterungen über "verschollen" gelesen. Ihr müsst unbedingt - falls ihr es noch nicht kennt - den Roman "Schilten" von Hermann Burger lesen! Da geht es genau um das "verschellen", und zwar um die Geschichte eines entlassenen Schullehrers, der sich selbst zuhinterst im Maderanertal in einem leerstehenden ehemaligen Schulhaus "verschellt". Höchst witzig und gleichzeitig etwas unheimlich!

katakura

#14
... in rezensionen hochgeluben und als taschenbuch derzeit überaus günstig zu erstehen:

https://www.amazon.de/Schilten-Roman-Hermann-Burger/dp/3596155436

... mir ist hermann burger bislang allerdings noch nicht untergekommen (eine wissenslücke?) ... einiges zu ihm findet sich im entsprechenden wiki-eintrag
Toleranz ist vor allem die Erkenntnis, dass es keinen Sinn hat, sich aufzuregen. (Helmut Qualtinger)