Autor Thema: Ein klein gwan Gwarmb in eigener Sache  (Gelesen 18984 mal)

Berthold

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Ein klein gwan Gwarmb in eigener Sache
« am: 2016-05-04, 14:27:33 »
Ich werde meinen ersten Erzählungsband einen Tag vor dem Sechziger herausbringen. Andere sind halt um Jahrzehnte eher dran.   
Hier die kleine Notiz. Falls irgend jemand von Euch Zeit hätte, wär's mir eine riiiesengroooße Freude! Die allermeisten Illus sind ebenfalls vom Berti. Ein "Clavoir" stünde (& steht) bereit. Hervorragende Pianofortistin: Nina Attorf. - Eine "Glans" irgendwo in Dschöameni wäre auch nicht schlecht ...:

Berthold Janecek
Der Sonne eine Gasse
Erzählungen eines Insektenforschers

Ca. 185 Seiten, € 15.-;
bei der Präsentation: € 10.- .
Dienstag, 24. Mai 2016, 19 Uhr
(mit Speis & Trank und  – hoffentlich? – Überraschungen!)

Im WERKL
Wien 1220, Schüttaustraße 1

« Letzte Änderung: 2016-05-04, 16:07:28 von Berthold »

Berthold

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Re: Ein klein gwan Gwarmb in eigener Sache
« Antwort #1 am: 2016-05-19, 11:57:02 »
http://www.werkl.org
Siehe Dienstag, 24. Mai.

Kilian

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Re: Ein klein gwan Gwarmb in eigener Sache
« Antwort #2 am: 2016-05-19, 15:24:59 »
Physisch anwesend zu sein habe ich leider keine Zeit. Aber sag, wo wird man das Buch kaufen können? Die Leseprobe ist zum Anbeißen…

Homer

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Re: Ein klein gwan Gwarmb in eigener Sache
« Antwort #3 am: 2016-05-25, 19:54:28 »
Ich werde meinen ersten Erzählungsband einen Tag vor dem Sechziger herausbringen. …
Dienstag, 24. Mai 2016

Moment mal, 24+1 =  ???  –– aber das heißt doch  :o –– vielfachen Glückwunsch, lieber Berthold!

ku

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Re: Ein klein gwan Gwarmb in eigener Sache
« Antwort #4 am: 2016-05-25, 20:54:03 »
Ich schließe mich in voller Länge und Breite herzlichst an die vielfachen Glückwünsche an. 

katakura

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Re: Ein klein gwan Gwarmb in eigener Sache
« Antwort #5 am: 2016-05-26, 09:57:04 »
... dann mögen meine glückwünsche in höhe und tiefe die vorangegangenen auf's trefflichste ergänzen! ...



... den buchtitel finde ich sehr schön, indes: wo ist er her? ... netzens findet sich folgendes gedicht, das ihn enthält:

Liebe aus dem Grab

Neigt euch, Sonnenblumen,
lasst der Sonne eine Gasse,
dass ihr Blick mich nochmal fasse,
meines Lebens letzte Krumen.


... allerdings erwahn bertl hier im forum einst:

"Der Sonne eine Gasse / oder / Sokrates und Lăo Zi" (nach einer Postkartengeschichte, von B. J., 10. - 11. 2. 2004)

... ältere belege für den titel habe ich netzens auf die schnelle nicht finden können, aber sicher kann bertl erklären, woher er stammt ... würde mich nur mal so interessieren ...

... und wo gibt's denn eine leseprobe für das bertlsche werk? ... ich habe keine gefunden ...
« Letzte Änderung: 2016-05-26, 10:19:46 von katakura »
Toleranz ist vor allem die Erkenntnis, dass es keinen Sinn hat, sich aufzuregen. (Helmut Qualtinger)

amarillo

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Re: Ein klein gwan Gwarmb in eigener Sache
« Antwort #6 am: 2016-05-26, 17:30:52 »
Bin schon wieder etwas verspätet, doch nicht von minderer Herzlike sollen Dich meine Glück- und Segenswünsche erreichen! Bekommen wir einen Abriss des Vorstellungsabend gelorfen?
Das Leben strebt mit Urgewalt nach Entstehung und Musik.

Berthold

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Re: Ein klein gwan Gwarmb in eigener Sache
« Antwort #7 am: 2016-05-26, 19:52:51 »
(...)

... den buchtitel finde ich sehr schön, indes: wo ist er her? ... netzens findet sich folgendes gedicht, das ihn enthält:


Der Buchtitel (Z.T. Titel einer Erzählung) ist eine Variante von "Der Freiheit eine Gasse". Das Buch so zu nennen war eine Idee - ich finde eine gute Idee - des Verlegers (Gerald Grassl).
Ich muß noch taigetzen & überlegen, wie's am geschicktesten ist, Bücher nach Deutschland zu schicken.
Herzlichen Dank für Eure Glückwünsche!
Die Präsentation war recht schön - auch mit Schubertliedern. Die Pianistin ist hervorragend (probt offenbar meistens mit OpernsängerINNEN); sie spol alles vom Blatt.
Als Bericht/Abriss, den der liebe amarilllo anrag - schreib ich Euch hier das her, was ich auch der lieben Melitta guschrimp habe.
Diese Frau (Botanikerin & Biochemikerin; sie hat aber auch ein Buch geschrieben.) hat nicht nur innere Größe, sondern ist 187 cm hoch gewachsen. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Söhnen in der Schweiz - bei Basel:
"Gestern war's ganz wunderbar. Es waren 40 oder mehr [chwomolg ca. 50] Gästinnen & Gäste im "Werkl". Auch, z.B., der Alois Frank, bekannt etwa also Tatort-"Kommischjoner". Sogar eine Pianistin fand sich noch (aus Ungarn, Budapest), die offensichtlich mit OpernsängerINNEN arbeitet und so gut wie "alles" einfach vom Blatt spielen kann - angeblich selbst in Transpositionen. Ich konnte daher mehrere Schubert-Lieder vortragen. Bei "Die Krähe" ward sogar ein Chorus getextet - mir zu Ehren. Rührung ... Meiner miesen Finanzlage entsprechend, bekam ich auch einiges an Geld. Der Franz Novak hat die Veranstaltung aufgenommen, so dass Text und Gesang gehört werden können. [...]
Bei den Geschichten habe ich meist in einem besonders spannenden Moment aufgehört, um das Lesen anzuregen. Gestern blieb, glaub ich, gar kein Buch mehr übrig, außer die paar, die ich selber bekommen habe. [Derzeit habe ich selber nur noch ein Exemplar.]"
 
« Letzte Änderung: 2016-05-26, 20:08:52 von Berthold »

katakura

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Re: Ein klein gwan Gwarmb in eigener Sache
« Antwort #8 am: 2016-05-27, 13:13:07 »
Der Buchtitel (Z.T. Titel einer Erzählung) ist eine Variante von "Der Freiheit eine Gasse".

... ja, DAS ist mir freichl schon klar! ...

Das Buch so zu nennen war eine Idee - ich finde eine gute Idee - des Verlegers (Gerald Grassl).

... mag sein, aber mich öre interess, woher der gute sie hat ... drum mein verweis auf nalmes gedicht und deine bereits erwahnene erzuhl ...
Toleranz ist vor allem die Erkenntnis, dass es keinen Sinn hat, sich aufzuregen. (Helmut Qualtinger)

Berthold

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Re: Ein klein gwan Gwarmb in eigener Sache
« Antwort #9 am: 2016-05-28, 20:55:28 »
Hier die "Manuskriptwöaschn" dieser Geschichte - ohne die abschließenden Korrekturen (z.B. bei den chinesischen Eigennamen):

"Der Sonne eine Gasse oder Sokrates und Lao³Zi
(nach einer Postkartengeschichte, 10. - 11. 2. 2004)
Aus "Berthold Janecek (24. 5. 2016) - Der Sonne eine Gasse - Erzählungen eines Insektenforschers - Werkkreis Literatur der Arbeitswelt - Redaktion: Gerald Grassl; 181 pp.; S. 56 - 62. Wien 2016.)

Erzählen möchte ich zunächst von einem Bündnis zwischen Herrn Rainer S., beschäftigt an irgendeiner Uni, und Frau Bái Lán (= Weiße Orchidee, auch Gardenie), der ältesten Tochter von Herrn Wáng (= König). Herr Wáng ist Beiselier an einem Platz in der Wiener Vorstadt. Rainer S., der nirgendwo sonst Held wäre, darf es in einer meiner Postkartengeschichten sein.    
   Postkartengeschichten haben wenige, aber doch ein paar Prämissen: Du nimmst eine Ansichtskarte (z. B. kannst du dir in Kaffeehäusern kostenlos einen ganzen Packen holen), schreibst die Adresse einer lieben Person drauf und beginnst, nach einem Einleitungsg´sätz´l über einen verhexten schwarzen Kugelschreiber, der dich zwänge, immer weiter zu schreiben, oder Ähnliches, eine Geschichte in einem Zug herunterzuschreiben; verfertigst (ganz wichtig) auch Illustrationen dazu. Kommst du ans Ende der Karte, setzt du die Geschichte auf einer weiteren Karte fort, bis dann, nach ca. 8 Karten... Alles zusammen oder auch nacheinander zur Post zu bringen. Das hat einen tüchtigen Stich Freigiebiges, sich-selbst-Verschleuderndes, ganz wie´s sein soll.
   Doch zurück zu Rainer S. Bestimmt ist der auch selbstverliebt, verspielt und verantwortungslos, vor allem aber ist er feige, grunderzzapfenfeige. Statt ernsthafter politischer Diskussionen grinst er sich eins, wenn er in Fredi Ouřatniks Lokal „Galgenvögel“ (ein Name ohne Geheimnis) ins Gästebuch einträgt:

      „Ich gebe schon zu, unterm Fliegen-Schwarz-Blau
      sind die Zukunftsaspekte offenbar flau;
      und - gegen Künstler- und Ausländlerhatz -
      überbrüllst du, voll Ohnmacht, den Ballhausplatz.
      Doch: Über manchem Fronleichnamsgebimmel
      paaren sich Mücken am Junihimmel.“

   Steigt er dann in die Straßenbahn, wird er immer wieder vom Lachen geschüttelt, so dass er vielleicht nicht gleich merkt, wenn er im 44er und nicht im 43er sitzt. - 
   Leichthin hat ihm die Regierung das Tor geöffnet, dem „Herr Professor Gernot Geißmelker (kurz „Ge-Ge“) Test für die Beherrschung der deutschen Sprache“ “for EC-countries with a German majority“. Dazu zählen die knallhart auch Österreich; “German speaking“ heißt es in der directive eben nicht. Klarerweise geht´s bei den Getesteten um Ausländer, etwa um eine junge Chinesin, die halt vielleicht ein bisserl was anderes machen möchte als Kellnerei. Bleiben wir noch ganz kurz beim Test. Die Fragen darin sind schwer. Heißt der Komparativ „reicherblütig“ oder „reichblütiger“? Schreibt man das jetzt nicht überhaupt getrennt, und falls, hätte das eine Auswirkung auf die Steigerung? Heißt es: „Von Montag, dem 17., bis Mittwoch, dem 19. ...? Oder „...bis Mittwoch, den 19. ...“. Überhaupt,  mir erschiene es unheimlich, eine gewaltige Sprache beherrschen zu wollen. Beherrschen! Phonetik, Wörter und Grammatikregeln wie Untertanen, Sklaven. „Der Diener am Wort“, nannte sich just Karl Kraus.
   Ich habe es schon angedeutet: Auch Bái Lán musste für den Test büffeln. Wäre das nicht so, Rainer S. bräuchte sie nicht zu trainieren. Tat er aber. Täte er das nicht, Bái Lán bräuchte wiederum ihm nicht... Doch dann kam es für Rainer S. zu einer grausigen Koinzidenz: Er hatte ein Skriptum von 360 Seiten für einen C.-Kurs in Graz 25 mal zu kopieren - wobei vorher noch ein paar Seiten zu ändern waren; ein paar Dutzend Seiten. In gewohnter Weise („So eine Arbeit muss leben!“) hatte sich Rainer S. diese Tätigkeit für den Abend vor dem Kurs aufgehoben. Doch der Arbeitsplan wurde vom Schicksal durchkreuzt. In die Alte Donau, mit deren Untersuchung Rainer S., in untergeordneter Stelle, verknüpft war, war die Mörderblutalge (Vampyrorubella bramstokeri) eingedrungen und hatte begonnen, die Wälder an Tausendblättern (Myriophyllum spicatum und verticillatum), die eben austrieben - oder ausgetrieben hätten -, in grauen Schleim zu verwandeln. Außerdem führten/führen Giftstoffe der Alge an den Kiemenblättchen von Laube (Alburnus alburnus) und Zander (zumindest hieß der Stizostedion lucioperca) zur tödlichen Branchitis cystolytica.
   Es war das zeitige Frühjahr; wichtigere ForscherInnen und ProfessorInnen bräunten sich zumeist, in Aspen etwa oder in Chamonix, angelten vielleicht auch Welse (Silurus glanis), irgendwo am Po.
   Ein schwerer Brocken Arbeit war an Rainer S. hängen geblieben: Die Erstellung eines Blitzgutachtens mit einem Katalog wirklich praktikabler Notmaßnahmen: womit etwa die Populationsentfaltung des wichtigsten Fraßfeindes der Alge, des Wasserflohs Dinobosmina caroli-istrarboris, voranzutreiben sei - und solcherlei. (Übrigens soll mit dem umständlichen Artnamen des genannten Planktontierchens der Hydrobiologe Charly D. geehrt werden.)
   Nun, selbst ein Blitzgutachten kann man ein paar Tage aufschieben, vor allem in der Hoffnung, dass doch noch jemand anderes... So fiel dann alles zusammen - und war in einer Nacht für einen allein nicht mehr zu bewältigen. Hätte sich nicht Bái Lán an den Kopierer gestellt, die ätzende Ozonluft eingeatmet, dem gegen Morgen immer lauter werdenden Kreischen der Maschine getrotzt (es ging um Tausende Seiten), ihren „Tonerhunger“ gestillt, die zerknitterten Blätter bei den immer häufiger auftretenden „Paperjams“ rasch entfernt, dann... Immer mehr Kannen teerschwarzen Young Master Grey und Assam Royal Flush Triple Broken Tees, endlich auch Kaffees, gewöhnlichen Kaffees, wurden geleert. Massagen an Schulter und Hals gab es, auch Umhalsungen - die späteren bereits unter Tränen. Endlich, gegen halb fünf Uhr morgens, war der Maßnamenkatalog gediehen. Aber weil er sein Arbeitstempo zwanzig Stunden lang überschritten hatte, fielen sie über Rainer S. her, Bilder des Krieges; nicht er, es phantasierte: Panzer fuhren durch den Sand einer Wüste auf der Halbinsel Sinai, Schweizer Landsknechte harrten in hellebardenstarrenden Karrees der schweren französischen Kavallerie von König Franz; als der Forscher überlegte, woher das Kraftfutter zum Aufpäppeln der Wasserflöhe kommen sollte, rieben die Mongolen bei Muhi das Heer König Béla IV. auf. Da hatte Bái Lán 27 Skripten fertig gebunden. Rainer S. versuchte, die Bilder in seinem Schädel zu verscheuchen, schüttelte diesen, trommelte und klatschte sich gegen die Stirn. Allein Rührung über das Werk seiner Freundin wollte er fühlen, Rührung und Dankbarkeit. Da sprach Bái Lán:
   „Hiel ich haben eine B(e)latt(e) Zettel...“ „Du brauchst vor Zettel kein Zählwort zu setzen, liebe Bái Lán.“ „Ja!“ - Doch sie lächelte nicht. „Hiel haben Zettel, was nicht haben kopielen.“
   Die Kimbern zogen hinab in die heiße Poebene. Trotzdem besah Rainer sich den seltsamen Zettel, der irgendwie zwischen die Kopien gelangt war. Er wurde allmählich neugierig. Das war kein Kopierpapier, es sah aus wie Reispapier eines Kalligraphen. Und es war ja auch eine Kalligraphie drauf!
   Bái Lán las vor: „Dang1 qí wú you3 shì zhi1 yòng.“
   „Ja - und was heißt denn das?“ Die wenigen chinesischen Zeichen, die Rainer S. sich gemerkt hatte, konnten höchstens ein paar späte Kaffeehausgäste beeindrucken.
   „Heißt(e) zilka: Dolt wo leer, Zimmer Nut(e)zen hat.“
   „Das ist doch von Lao3Zi“, schreit er.
   „Ist Lao3Zi.“
   „Warte, Bái Lán, da hab ich die alte Reclamübersetzung, von diesem - Ernst Schwarz (glaub ich), damals - Philipp Reclam jun. in Leipzig - als es die gute alte DDR noch gegeben hat.“
   Er öffnet die Schiebetür des Bürokastens nordwestlich seines Binokulars, schleudert Bücher und Papiere einfach auf die drei, vier Quadratmeter freien Bodens, die es in seinem Kämmerchen noch gibt. Endlich taucht der Lao3Zi auf. Das Büchlein von 1970 ist stark vergilbt. Bald ist der Vers gefunden. Er gehört zum 11. Spruch, dessen erste drei Strophen Ernst Schwarz so übersetzt:

„dreißig speichen umringen die nabe/ wo nichts ist / liegt der nutzen des rads

aus ton formt der töpfer den topf/ wo er hohl ist / liegt der nutzen des topfs

tür und fenster höhlen die wände/ wo es leer bleibt/ liegt der nutzen des hauses“

   „Was fällt dir zu dem letzten Vers ein?“, fragt er Bái Lán. Nur zögernd antwortet sie, nachdem sie ein Wort in ihrem kleinen Taschenwörterbuch nachgeschlagen hat:
„Chinesische Dào-Zaubelel haben blauchen, dass Sch(i)tein, dass dà lóu, gloße, gloße Haus(e), kaputt(e)gehen.“

   Da bricht das Bild in Rainer S. ein, rasierklingenscharf. Diese Schachpartie ist es, die ihm damals, zwanghaft, wieder und wieder durch den Kopf ging, als sie ihm den Cocktail eintropften, aus - den Medikamentennamen tun ein paar ppm Poesie not - heptazyklischem Anaphrenon, Hilarit, Voluptal forte, Vidalumpén... Jetzt gibt´s sicher bessere Antidepressiva, happiness might be back soon... Es ist die Partie Michail Botwinnik gegen Bobby Fischer, auf der 15. Olympiade, 1962 in Warna. Nach dem 51. Zug von Schwarz, dem Bauernzug b6-b5, muss es wohl remis ausgehen - und so ging es auch aus. Jetzt aber sieht er die Stellung vor diesem Zug.
   Der weiße Turm ähnelt dem Kapitell einer korinthischen Säule, doch statt der Akanthusblätter hat es Schierlingsblätter. Die weißen Bauern sind Klötzchen - wohl aus Elfenbein -, in die Schierlingspflanzen, wie aus einem alten Creytterbuch, eingraviert sind. Der weiße König ist dann natürlich Sokrates, den Mund geöffnet bei seiner Veteidigungsrede..
   Der Schwarze Turm, in der linken unteren Ecke, ist eine dreistöckige Pagode. Die schwarzen Bauern sind (gewiß) Jadeklötzchen, in die man Blüten irgendeiner - wohl chinesischen - Frauenschuh-Art eingraviert hat. Der schwarze König kann nur noch einer sein: Lao3Zi.
   Doch - statt Botwinniks und Fishers - SIE selbst sitzen als Spieler am Brett, die Meister! -: Sokrates, mopsköpfig, ein Satyr; - ein Gegner im Dialog, im Streitgespräch, verglich ihn mit einem Stechrochen.
   (Ich füge ein Zitat ein: (Menon sagt): "Denn auch dieser (der Stech-, Krampfrochen) macht jeden, der ihm nahekommt und ihn berührt, erstarren. Und so dünkt mich, hast auch du mir jetzt angetan, dass ich erstarre. Denn in der Tat, an Seele und Leib bin ich erstarrt und weiß dir nichts zu antworten, wiewohl ich schon tausendmal über die Tugend gar vielerlei Reden gehalten habe vor vielen und sehr gut, wie mich dünkt. Jetzt aber weiß ich überall nicht einmal, was sie ist, zu sagen" (Menon. 80a - b).)
   Sokrates gegenüber sitzt Lao3Zi. Rainer S. sieht die hohe Stirn, die buschigen Brauen, die langen Ohren (Lao3Dan1 (= altes Langohr) nennt in Meister Zhuang1). Über seine Wirkung auf Gesprächspartner wurde Ähnliches geschrieben wie bei Sokrates:
   („Laudse beweist Konfuzius die Nichtigkeit seiner Begriffswelt, und Konfuzius, zutiefst erschüttert, ,schwieg drei Tage lang...´ Von seinen Schülern wegen seines beharrlichen Schweigens befragt, erwidert Konfuzius: ,Nun habe ich hier einen Drachen erblickt ... den Mund sperrte ich weit auf vor Verblüffung und konnte ihn nicht wieder schließen...´“)

   Rainer meint zu wissen, was das Remis dieser Partie für ihn bedeutet: Wie ein gehorsamer Schüler des Sokrates wird er dann den Kerker nie mehr verlassen, sich nicht durch Flucht entziehen, bis zum Tod die Gesetze (Athens) achten, vielleicht selbst einen Schierlingsbecher leeren. Die beiden Meister spielen um sein Schicksal, seine Zukunft, vielleicht um sein Leben. Wann kommt endlich der erwartete, protokollierte Zug?
   Doch was geschieht hier? - Lao3Zi schiebt - nicht den b-Bauern ein Feld vor! König d4 ist sein Zug! Halt, denkt Rainer, als ihm der Frost der Freiheit über den Rücken hinabwandert. Auch das muss remis werden. Kremenetzkij hat es in einer Analyse bewiesen. Einen noch schöneren Weg zum Remis in der Stellung nach dem 65. Zug fand der, damals dreizehnjährige, spätere Weltmeister Garry Kasparov. - Welchen Zug wird nun Sokrates machen? - - Welchen? - - - Der aber - - gemächlich erhebt er sich, verbeugt sich vor Lao3Zi, lächelt - wohl wie damals, als Diotima IHN belehrte - und geht davon. Teerschwarz ergießt es sich über das Bild. -
   Bái Lán schüttelt Rainer, und er fährt empor. Kalt und kraftlos sind seine Hände, sein Bauch ist ein schlaffer Sack. Voll Angst ist er. Die richtigen Worte freilich, die meint er nun zu wissen. Aber, halt, nicht seine Freundin... Er flüstert, unterstützt die Rede durch Gebärden: „Bái Lán, wenn ich dich bitte, dann rennst du die Stiegen hinab, rennst beim Gartentor hinaus, rennst hinunter zu eurem Fàn Diàn (Beisel), verstehst du mich? Rennen! Du drehst dich nicht um, was immer (so muss es an dieser Stelle heißen) du hinter dir hörst.“

*
 
 Da stehen wir am Morgen, die Vertreter der heiteren Welt, eng gedrängt, im Schutt des zerstörten Labors: Duczinsky vom Innenministerium, Kommissar Felix Klee, Udo Pumhösl (der Sprengstoffexperte) und endlich ich, Munibert „Onkel Berti“ Vaneček, Kriminaljournalist, Freiberufler, doch meist - des schönen, für chinesische Kalligraphie geeigneten, Papiers wegen - beim Standard dienstbar. Wissen Sie, wie verschmorte PCs oder verbrannte Sammlungen irgendwelcher Insekten aussehen und riechen? Der Aschenmasse nach muss es in dem sehr engen Kämmerchen Tausende Bücher und Zeitschriften gegeben haben. Nach dem Feuer hat das Wasser hier gewütet. Vor ein paar Minuten erst hat sich die Feuerwehrkommandantin verabschiedet. Frau Dr. R. dagegen, die Tiefenpsychologin, ist seltsamerweise immer noch da. Hat sie gehofft, hier einen schäumenden Psychopathen anzutreffen? Auch ohne diesen entfaltet sie die Schmetterlingsflügel ihrer Theorien. Ich höre von „Ingestion multipler Torturrituale, bis der Durst nach Katharsis Geburtstrauma-analog zwinge, auf Kerkermauern projizierte Innenwelt-Rupturen mit den zwei funda-mentalen Körperöffnungen zur Kloake zusammenzufügen und diese zu penetrieren.“ Eine solche Deutung erscheint mir ein Alzerl übernachtig und weniger interessant als die Tatsache, dass nirgends auch nur die Spur eines Sprengstoffes gefunden worden war. Verdattert stehen wir herum. Klee hat immerhin eine Flasche Hebriden-Whiskey und einen Satz geschliffener Gläser mitgebracht.
   Unvorhergesehen ergießen sich durch den klaffenden, geschwärzten Mauerspalt Sonnenstrahlen. Schlanke Zweige von Parkbäumen, noch ohne Laub, erglänzen. Den gleichen Gedanken haben wir offenbar, alle fünf, vielleicht auch das gleiche jähe Gefühl von Freiheit. Wir schleudern unsere Gläser dem Licht entgegen. Der Sonne eine Gasse!
« Letzte Änderung: 2016-05-28, 21:02:34 von Berthold »

Berthold

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Re: Ein klein gwan Gwarmb in eigener Sache
« Antwort #10 am: 2016-06-03, 15:04:14 »
Ich künde ("kündige" wage ich gar nicht herzuschreiben) auch hier Folgendes an:

Hochedle Freundin! Hochedler Freund!

"Der Sonne eine Gasse" - Erzählungen eines Insektenforschers (Berthold Janecek)
(eine Präsentation seines neuen Büch'ls; besondere Widmungen - etwa kurze, chinesische Sprüche - möglich)
Der Herr Verleger ist Gerald Grassl.

Im Kulturbeis'l "U.S.W", Laudongassse 10, Wien VIII: Donnerstag, 9. 6. 2016; Beginn: 20 Uhr.
http://www.uswbeisl.com

Es liest und singt: der Autor selber. [Das sesülle Euch aber nicht abhalten.]

Am Klavier wirkt die unvergleichliche Frau Dr. Margit Sautner.

Hochachtungsvoll!
B. J. 

Berthold

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Re: Ein klein gwan Gwarmb in eigener Sache
« Antwort #11 am: 2016-06-14, 12:13:05 »
Da kekünne das Gereimsel ausufern. Daher nur "ein paar" Beispiele:

Im Pokerblatt vier Asse -
Die Bache minnt der Basse. -
Dem Kriegsschiff die Barkasse -
Dem Schwarzen eine Blasse -
Zum Schwenk der Rah' die Brasse -
Ein Karpfenfisch: die Brasse -
Ein Tritt dem Bramarbasse -
Ein Urlaub im Elsasse -
Der Wein im Riesenfasse -
Sie hockt dort im Gelasse. -
Voll Jähzorn die Grimasse -
Ein Liebeswort dem Hasse -
Der Räuberin die Kasse -
(Ich bin ganz schlecht bei Kasse. -)
Der Schulwart schimpft die Klasse. -
Ist's Norden am Kompasse?
Schau, Ponostarletts! Krasse!
Ein Reiter im Kürasse -
Mensch - du verkrampfst! - Ich lasse. -
Er blieb ganz träge Masse. -
Ich lecke die Melasse. -
Las ich schon Herrn Menasse? -
Es war ein Griff ins Nasse. -
Ich träume vom Parnasse. -
Der Zöllner schrieb im Passe. -
Zweitbeiboot? - Die Pinasse -
Schau, Hunderter! - Ich prasse. -
Rassistenschwerpunkt? - Rasse -
Dem Hasen eine Sasse -
Dem Teetrinker die Tasse -
Der Bergbahn eine Trasse -
Da gäb's noch mehr. - Ich passe. -

Der Sonne eine Gasse


« Letzte Änderung: 2016-06-14, 13:28:04 von Berthold »

katakura

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Re: Ein klein gwan Gwarmb in eigener Sache
« Antwort #12 am: 2016-06-14, 14:38:02 »
der reim kommt mir zupasse!

terrazzo liegt auf der terrasse -
zerfahr'n ist die karkasse -
im knast sitzt der insasse -
im tal liegt die molasse -
parfüme gibt's in grasse
français parliert der monegasse -
(dito der madegasse) -
der kürbis wird zur kalebasse -
glauben fehlt (dem) thomasse -
drei masten hat die galeasse -
(manchmal auch vier) - na, lass' se!

doch schluss mit reimen ohne klasse!

dem bertl seine eig'ne gasse!
« Letzte Änderung: 2016-06-14, 14:56:52 von katakura »
Toleranz ist vor allem die Erkenntnis, dass es keinen Sinn hat, sich aufzuregen. (Helmut Qualtinger)

Berthold

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Re: Ein klein gwan Gwarmb in eigener Sache
« Antwort #13 am: 2016-06-14, 14:52:47 »
Ich ohn es. Echt viele Reime. Darunter allerhand Seefahrerisches.
Soll keine Familien-Angeberay sei, sondern sich auf Deine Schlußwendung beziehen: Nach meinem Vater (auch einem Bertl) gibt's zu Wiener Neustadt echt eine Gasse - sogar mit einem "Weihnachtswunder":
http://www.unser-stadtplan.at/Stadtplan/Wiener-Neustadt/str/Albert-Janetschek-Gasse.map
http://www.meinbezirk.at/wiener-neustadt/lokales/weihnachtswunder-in-der-albert-janetschek-gasse-d1194128.html
Wie's ausschaut werdet Ihr diese Gegend froychl nie kennenlernen. Denk(t) nun ja kein rohes "Na und!"
« Letzte Änderung: 2016-06-14, 14:58:57 von Berthold »

katakura

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Re: Ein klein gwan Gwarmb in eigener Sache
« Antwort #14 am: 2016-06-14, 14:55:09 »
Soll keine Familien-Angeberay sei, sondern sich auf Deine Schlußwendung beziehen: Nach meinem Vater (auch einem Bertl) gibt's zu Wiener Neustadt echt eine Gasse - sogar mit einem "Weihnachtswunder":
http://www.unser-stadtplan.at/Stadtplan/Wiener-Neustadt/str/Albert-Janetschek-Gasse.map
http://www.meinbezirk.at/wiener-neustadt/lokales/weihnachtswunder-in-der-albert-janetschek-gasse-d1194128.html

... du tatest diesem erfeulichen umstande bereits vor geraumer zeit erwahn hier im forum ... dies wohl im hinterkopfe habend, furd ich indes auch für dich eine gasse!
« Letzte Änderung: 2016-06-14, 14:57:25 von katakura »
Toleranz ist vor allem die Erkenntnis, dass es keinen Sinn hat, sich aufzuregen. (Helmut Qualtinger)