Konjunktiv II bei "nennen" und "kennen"

Begonnen von Ezilopp, 2005-10-21, 12:47:24

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Ezilopp

Der Konjunktiv II starker Verben wird bekannterweise durch Umlautung und Einschub eines "e" gebildet.
In älteren Wörterbüchern findet man für "kennen" und "nennen" die Formen "kennete" und "nennete" (Präteritum: "kannte" und "nannte").
Da seit der Rechtschreibreform in vielen Fällen etymologisierend statt des früheren "e" ein "ä" geschrieben werden muss, frage ich mich, wie es heute um die Schreibung der Konjunktiv-II-Formen dieser beiden Verben bestellt ist. Kennt man (bzw. der Duden) sie überhaupt noch?

VerbOrg

Hallo Ezilopp,

ich habe mal im Duden nachgeschaut (nicht im ganz aktuellen, sondern in dem von 1996 - aber schon mit der neuen Rechtschreibung).
Der kennt als Konjunktiv II für nennen und kennen die Formen nennte und kennte, schreibt allerdings, dass diese selten seien.

Im Netz fand ich eine wunderschöne Seite, auf der man unter anderem Verbenkonjugationen nachschauen kann. Auch nennen und kennen sind aufgeführt: in eben den schon genannten Formen nennte und kennte. Es gibt sie also noch, auch wenn man sie eigentlich kaum noch hört (schade, ich fand sie schon immer selten schön).

Es handelt sich bei nennen und kennen übrigens NICHT um starke Verben, was du daran erkennst, dass sie im Präteritum die schwache Endung -te aufweisen und im Partizip II auf -t enden, gleichwohl sind sie unregelmäßig.

Ich hoffe, ich habe dir damit helfen können.

caru

richtig heißen die  formen aber natürlich "nänne" und "kekünne" ;D
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(>´x´<)
('.')__('.')

Nijntje - de echte nederlandse konijn

VerbOrg

Nun verwirr den Ezilopp mal nicht zu dolle.
Dem ging's ja wahrscheinlich nicht um "unsere" richtigen Formen.

Ezilopp

Ich dachte, die Kathegorie "unregelmäßige Verben" gebe es im Deutschen nicht, nur starke, als Eigenart des Deutschen (in (fast) allen anderen Sprachen werden die Verben  ja nur als "unregelmäßig" bezeichnet.
Jedenfalls finde ich es ziemlich sekt... äh, seltersam, dass der Konjunktiv II dieser Verben (wie auch der Konjunktiv II von "brennen" und "rennen") nicht durch Umlautung des "a" zum "ä", sondern durch Rückkehr zum Infinitivvokal "e" gebildet wird. Phonetisch sind sie durchaus unterscheidbar, auch wenn das offene "ä" bei den meisten Menschen zu einem geschlossenen "e" wird.
Das "e" im Stamme spricht meines Erachtens dafür, dass die Duden-Leute sich nicht trauen, die, wie es scheint, absterbenden Konjunktiv-II-Formen dieser Verben an die moderne Rechtschreibung anzupassen.

Das "e" nach dem Stamme ist in meinem Wörterbuche übrigens nur eingeklammert. Kein Wunder, dass der neue Duden darauf verzichtet.

Die von dir genannte Seite gibt übrigens als Präteritum- und Konjunktiv-II-Formen von "backen" jeweils "backte" und "backte" an, was ihre Seriösität in meinen Augen mächtig untergräbt.

Wenn ich mal nach Hamburg kommen sollte und wir uns eventuell träfen, werde ich dich mit natürlich mit den seltenen Konjunktiv-II-Formen beglücken.

Caru!
Mir ging es wirklich um die standardsprachlichen Formen, aber "nänne" und "kekünne" deuchen mir des Einganges in die Standardardsprache würdig.

Kilian

#5
Zitat von: Ezilopp am 2005-10-22, 15:24:59Ich dachte, die Kathegorie "unregelmäßige Verben" gebe es im Deutschen nicht, nur starke, als Eigenart des Deutschen

Oh, weit gefehlt, ich verweise auf MrMagoos brillante Übersicht.

Für Laien reicht heutzutage der Unterschied zwischen schwachen und unregelmäßigen Verben. Letztere gilt es auswendig zu lernen wie im Englischen und Punkt.

Sprachgeschichtlich aber zerfallen die heute "unregelmäßigen" Verben in höchst verschiedene Fälle.

Ich las das mit dem e auch mal irgendwo als "Regel" formuliert; leider bin ich der Quelle verlustig gegangen. Die beiden anderen Verben, die es betrifft, sind brennen und rennen, bei uns auch noch flennen.

VerbOrg

Zitat von: Ezilopp am 2005-10-22, 15:24:59Die von dir genannte Seite gibt übrigens als Präteritum- und Konjunktiv-II-Formen von "backen" jeweils "backte" und "backte" an, was ihre Seriösität in meinen Augen mächtig untergräbt.
Laut Duden handelt es sich bei backtest tatsächlich um die standardsprachliche Form im Präteritum und Konjunktiv II.
buk und büke findet man zwar auch, allerdings eingeklammert und mit dem Hinweis veraltet.
Eine Schande!
Gut, dass es unsere Rote Liste gibt, auf der man sich auch schon des Verbs backen annahm.

caru

das mit dem backen hängt immer davon ab.


wenn ich leckere, duftige, mürbe, wohlgelungene kekse gebacken habe, dann buk ich, und jedermann wünscht sich, daß ich recht bald wieder welche büke.

wenn sie hart und angebrannt sind, wünsche ich mir, daß ich so nie wieder backte.
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('.')__('.')

Nijntje - de echte nederlandse konijn

VerbOrg

Ja ja, und manch zu früh aus dem Ofen genommener Kuchen backte schon an der Form fest, so dass man den Matsch nur mit Mühe und Not wieder herausbekam.

Aber wirklich: laut Duden ist "buk" veraltet.
Komisch, dass ich es so gelernt habe. Bin ich denn auch schon soooo alt? Ich setz' mich gleich in meinen Schaukelstuhl, leg' mir die Decke über die Beine und mach' ein Nickerchen.

caru

ich hab' in der schule auch schon gelernt: buk gibt's, ist aber veraltet.

hier wie auch in anderen fällen habe ich immer die archaische form verwendet, nötigenfalls gegen den widerstand der doofen deutschlehrerinnen, die ich hatte  :D


wir sollten T-hemden basteln mit der aufschrift "Duden ist doof!"
wär bestimmt der renner am modemarkt  ;D
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('.')__('.')

Nijntje - de echte nederlandse konijn

VerbOrg

Besonders Gegner der neuen und alten Rechtschreibreformen und alle, die ihre Deutschfaulheit als Dyslexie diagnostizieren lassen, wären begeistert.

Und wer bisher gegen einheitliche Schulkleidung war, trüge sie wahrscheinlich gern, wenn dieser Spruch draufstünde.
Aber bei so was machen wahrscheinlich die Lehrer nicht mit.

Ezilopp

Der Form "buk" begagn ich in einer Übersetzung aus dem Englischen, Anfang der Neunziger erstellt. Ich war erfreulich überrascht.
Die Übersetzerin trug den Vornamen Elke, was auf ihre Zugehörigkeit zur mittleren oder älteren Generation hinweist.
Die Form "buk" larn ich selbst zwar in der Schule nicht, har aber von einem Freunde, dass diese ihm im Unterrichte beigebrungen worden war, wenn auch unter dem Vermerke "veraltet".

VerbOrg
Wenn ich nach Hamburg kommen sollte und wir uns träfen, würde ich Deinem Gehöre mit alterwürdigen Konjunktiv-, Präteritum- und Partizip-Perfekt-Formen schmeicheln!

Für den Knupf zur brillanten Übersicht bedanke ich mich. Sehr aufschlussreich!

MrMagoo

Zitat von: Kilian am 2005-10-22, 15:45:41
Zitat von: Ezilopp am 2005-10-22, 15:24:59Ich dachte, die Kathegorie "unregelmäßige Verben" gebe es im Deutschen nicht, nur starke, als Eigenart des Deutschen

Oh, weit gefehlt, ich verweise auf MrMagoos brilliante Übersicht.


Nunja... also wenn man "GANZ" erheblich pingelig sein will, dann gibt es wahrscheinlich keine wirklich "unregelmäßigen" Verben - denn selbst die in meiner Liste am Ende aufgeführten Verben können sich sprachhistorisch wiederum in irgendwelche Gruppen einordnen lassen, aber das führte dann doch ein wenig zu weit....:D
Wâ mag ich mich nu vinden? wâ mac ich mich nu suochen, wâ? nu bin ich hie und bin ouch dâ und enbin doch weder dâ noch hie. wer wart ouch sus verirret ie? wer wart ie sus zerteilet mê?
(Gottfried von Straßburg)

Ly

Zitat von: MrMagoo am 2005-10-22, 22:45:02
Zitat von: Kilian am 2005-10-22, 15:45:41
Zitat von: Ezilopp am 2005-10-22, 15:24:59Ich dachte, die Kathegorie "unregelmäßige Verben" gebe es im Deutschen nicht, nur starke, als Eigenart des Deutschen

Oh, weit gefehlt, ich verweise auf MrMagoos brilliante Übersicht.


Nunja... also wenn man "GANZ" erheblich pingelig sein will, dann gibt es wahrscheinlich keine wirklich "unregelmäßigen" Verben - denn selbst die in meiner Liste am Ende aufgeführten Verben können sich sprachhistorisch wiederum in irgendwelche Gruppen einordnen lassen, aber das führte dann doch ein wenig zu weit....:D

Und was ist mit "sein", hm? ;D
It isn't always how you look. Look at me. I'm handsome like anything, and I haven't got anybody to marry me yet.

MrMagoo

#14
Zitat von: Ly am 2005-11-10, 22:23:10
Zitat von: MrMagoo am 2005-10-22, 22:45:02
Zitat von: Kilian am 2005-10-22, 15:45:41
Zitat von: Ezilopp am 2005-10-22, 15:24:59Ich dachte, die Kathegorie "unregelmäßige Verben" gebe es im Deutschen nicht, nur starke, als Eigenart des Deutschen

Oh, weit gefehlt, ich verweise auf MrMagoos brilliante Übersicht.


Nunja... also wenn man "GANZ" erheblich pingelig sein will, dann gibt es wahrscheinlich keine wirklich "unregelmäßigen" Verben - denn selbst die in meiner Liste am Ende aufgeführten Verben können sich sprachhistorisch wiederum in irgendwelche Gruppen einordnen lassen, aber das führte dann doch ein wenig zu weit....:D

Und was ist mit "sein", hm? ;D


Auch sein ist nicht wirklich unregelmäßig:

sein ist ein aus drei selbständgen Verbstämmen neu zusammengesetztes Verb:

Wir hätten da zunächst das Verb wesen, das heute für das Präteritum die Formen
ich war, du warst, er war, wir waren, ihr wart, sie waren
und das Partizip 2 gewesen liefert.
Ebenso bildet es den Konjunktiv2: ich wäre, du wärst, etc.
Noch im Mittelhochdeutschen war "wesen" ein Verb mit einem vollständigem Konjugationsparadigma:

Präsens: ich wise, du wist, er wist, wir wesen, ir west, si wesent; Imperativ: wis!
Präteritum: ich was, du waere, er was, wir waren, ir wart, si waren
Partizip1: wesende
Partizip2: gewesen


Das zweite Verb ist sein, es liefert heute die Präsensformen mit Ausnahme der 1. und 2. Person Singular:
er ist, wir sind, ihr seid, sie sind.
Auch der Konjunktiv1 wird von "sein" gebildet:
ich sei, du seist, er sei, wir seien, ihr seiet, sie seien.
Das Partizip2: seiend, und der Imperativ: sei! gehören ebenfalls hierher.


Das dritte Verb letztendlich ist bin, das die Formen für die 1. und 2. Person Präsens liefert:
ich bin, du bist.
Im Mittelhochdeutschen gab's auch hier noch ein fast(!) vollständiges Paradigma für die Präsensformen - nur die 3. Person kann nicht belegt werden:
ich bin, du bist, wir birn, ir birt.

Sowohl "sein" als auch "bin" haben schon in früheren Sprachperioden nur Präsensformen.
Ich persönlich nehme bei "bin" an, daß es sich um ein Präterito-Präsens handelt, zu welchem keine "neuen" Präteritumformen gebildet wurden. Ein Professor von mir hielt dies allerdings für eher unwahrscheinlich.
Warum "sein" keine Präteritumformen (mehr) hat, weiß ich nicht, vielleicht waren genügend Ausweichformen vorhanden, sodaß keine anderen benötigt wurden?!


Nach viel Blabla ganz kurz: In diesem Sinne ist auch sein "regelmäßig" oder besser und vorsichtiger ausgedrückt: "nicht ganz unregelmäßig". ;)

Viele Grüße
-MrMagoo
Wâ mag ich mich nu vinden? wâ mac ich mich nu suochen, wâ? nu bin ich hie und bin ouch dâ und enbin doch weder dâ noch hie. wer wart ouch sus verirret ie? wer wart ie sus zerteilet mê?
(Gottfried von Straßburg)