antike Rhythmen

Begonnen von Berthold, 2006-07-25, 17:49:39

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Berthold

Zitat von: AmelieZapf am 2006-07-21, 23:52:28
Begänne ich hier
Sapphischer Oden Ducht, nicht
Jugendfrei wär'n sie.
Grüße,
Amy

Eine sapphische Ode und ihre Folgen:

Ich gestatte mir, harmlose, echt jugendfreie sapphische Strophen herzuschreiben. Verfassen etwa 1973. Spätpubertäre Zeilen sind's, antikisierend, ohne jegliche Pornographie (diesmal) - freilich auch ohne starke Verben. Aber die Versform gehe hier vor:

Euklange

Stille atmet sanft, in den Duft verwoben
Milder Nacht im Park, eine letzte Amsel
Bringt ein tönend Sehnen, auf kühlem Bette
Wiegt sich der Weiher.

Vollmond küßt verstohlen die alten Wipfel
Daß sie's voll Entzücken im Traume ahnen
Blüht sie denn nicht hier, jene blaue Blume
Tiefsten Empfindens?

Horch, da klingt von ferne der Ruf der Flöte
Süß bläst Faun, er lockt wohl die spröde Nymphe
Der er heute gerne das Brautbett machte
Doch sie entspringt ihm.

Laß zurück den Tand, und belausche, Liebste
Was uns jeder taufrische Halm zuflüstert
Was die Bäume raunen, die Rosen bitten
Kypris ist nahe.

Als ich, 33 Jahre später und bemohen um Aktualisur jenes Gedichtes, im Türkenschanzpark nahe der Universität für Bodenkultur, gegen die Mitternacht hin, trotz fester Abmach, vergeblich (m)einer Liebsten hurr (von einem Chor des 'Lachenden Seefrosches' (Rana ridibunda PALLAS, 1771), in einem nahen Teich, gar kräftiglich verlochen - Härr-härr-härr-HÄRR-HÄRR-HARRR!!!--- ruwah-a-a-a-a-arr!) entschloß ich mich, - - als Draufgabe den Ehemann anzurufen. Einen Ornit(h)ologen. (Hier rutscht immer wieder, trotz ornis, ornitos, ein 'h' hinein.). Von Jugend an also erfahren mit Vögeln. Zwei Sätze aus unserem Gespräch - wider allgemeines "Das ist uns aber vollkommen wurscht, liebes Bertl!"

E: Trennen werden wir uns nicht!
B: - - - Mein Herz kann ich mir nicht aus dem Leibe reißen!

   

katakura

#1
片倉 --> schnieft ebenso gerührt wie hemmungslos eine jahrespackung tempos voll  :'( :'( :'( ...

.... gab's denn doch ein happiges ende??? :-\
Toleranz ist vor allem die Erkenntnis, dass es keinen Sinn hat, sich aufzuregen. (Helmut Qualtinger)

Berthold

Eine eheliche Urlaubsfahrt ins langweilige, bestenfalls strapaziös zu bewandernde Osttirol ('Urlaub am Bergbauernhof' - grauenvoll!), schuf/schafft eine Pause. Denn das Ende als solches auch anzuerkennen, - sei mir fern.

Agricola

#3
Bertl, Deine sapphischen Strophen gefallen mir sehr gut, hab' das erste Mal welche auf Deutsch gelesen und war überrascht, wie gut es geht. Schade, diese Rhythmen sind eigentlich zu zart, um sie mit starken Verben zu entweihen - es sei denn, es findet sich noch ein Weg, das so zu tun, dass sie sich nicht ständig vordrängeln!
The future lies in front of me,
but "lies" is all that I can see.

Berthold

Zitat von: Agricola am 2006-07-25, 18:08:40
Bertl, Deine sapphischen Strophen gefallen mir sehr gut, hab' das erste Mal welche auf Deutsch gelesen und war überrascht, wie gut es geht. Schade, diese Rhythmen sind eigentlich zu zart, um sie mir starken Verben zu entweihen - es sei denn, es findet sich noch ein Weg, das so zu tun, dass sie sich nicht ständig vordrängeln!
Lieber Agricola!
Mit 'vordrängeln', da hast Du ganz recht. Manchmal kann Gestorkenes sehr grob in Verse hineinlatschen.
Ich habe damals (auch) verschiedene griechische Versformen versucht.  

Agricola

Zitat von: Berthold am 2006-07-25, 18:17:19
Ich habe damals (auch) verschiedene griechische Versformen versucht.  
Sehr spannend! Ich habe so etwas bisher nur auf Latein probiert, weil ich mit den Längen und Kürzen und dem starken Reimbedürfnis im Deutschen nicht klarkomme. Auf Japanisch geht es vielleicht auch, aber da ist es extrem schwierig, weil zu viele Wörter nur aus kurzen Silben bestehen. (Vielleicht müsste man sich eines ganz schweren Kanbun-kakikudashibun-Stils der Meijizeit bedienen, also der Sprache, die entsteht, wenn man chinesische Gedichte nach der traditionellen Methode auf japanisch liest, ohne sie richtig zu übersetzen. Aber dafür reicht meine Sprachfähigkeit bei weitem nicht.)
The future lies in front of me,
but "lies" is all that I can see.

katakura

#6
Zitat von: Berthold am 2006-07-25, 18:08:31
Eine eheliche Urlaubsfahrt ins langweilige, bestenfalls strapaziös zu bewandernde Osttirol ('Urlaub am Bergbauernhof' - grauenvoll!), schuf/schafft eine Pause. Denn das Ende als solches auch anzuerkennen, - sei mir fern.

... to be continued, hmm? ... tjaja, herzensangelegenheiten - davon könnte wohl ein jeder das eine oder andere liedlein singen ... und wohl dem, der (wenn er schon nicht singen kann) dann des dichtens fähig ist :) ...
Toleranz ist vor allem die Erkenntnis, dass es keinen Sinn hat, sich aufzuregen. (Helmut Qualtinger)

Berthold

Hier soll nur ja nicht der Eindruck entstehen, ich hätte damals Verse auch auf Altgriechisch geschrieben. Dafür riech/reicht nun meine Sprachfah bei weitem nicht. Nein, auf Deutsch, Betun, statt Silbenlänge... - und so halt.
Ich habe nicht vor, hier mein altes Gedichtheft zu verarbeiten. Hier nur noch zwei Strophen im 1. asklepiadeischen Versmaß:

Die Macht des Tanzes

Wilder, drängender Tanz, pulsende Kraft des Takts
Dunkel, elementar, schwangst du dich auf im Nichts
Chaos, klaffend und leer, Rhythmus bezwang dich einst
Dann erst fand sich die Melodie.

Sehnend, glutvoller Tanz, südlicher Lande Kind
Schwerer Pinienduft, schillernde Nacht in Rom
Traumhaft tändelndes Lied, welches die Laute sang
Als die Liebste am Fenster stand.

(...)

Agricola

Zitat von: Berthold am 2006-07-25, 18:39:35
Hier soll nur ja nicht der Eindruck entstehen, ich hätte damals Verse auch auf Altgriechisch geschrieben.
Nein, die Delle hatte ich nicht gewollt. Ich meinte, dass es auf Deutsch schwierig ist, die antiken Rhythmen zu imitieren, weil die Silben meist nicht eindeutig kurz oder lang sind. Aber in Deinen sapphischen Strophen ist es Dir (meistens) gut gelungen.
The future lies in front of me,
but "lies" is all that I can see.

Berthold

#9
Zitat von: Agricola am 2006-07-25, 18:23:19
(Vielleicht müsste man sich eines ganz schweren Kanbun-kakikudashibun-Stils der Meijizeit bedienen, also der Sprache, die entsteht, wenn man chinesische Gedichte nach der traditionellen Methode auf japanisch liest, ohne sie richtig zu übersetzen. (...) )
Ursuper! Fährt ein wie ein Antidepressivum! Könnte aus Nestroys verlorenem Stück "Der Magier vom Pfutschijama" stammen.
Aber - gerade jetzt stell ich doch die Frage - weißt Du, welches Tier ein 'Tagame' wirklich ist? 'Schildkäfer', wie's Tausende von Lesern des Nobelpreisträgers zu wissen glauben, gilt nicht. (Wie man jenes Tier ins Deutsche übersetzen soll, ist freilich eine schwierige Frage.) Und weißt Du weiters, warum wohl Ôe Kenzaburo diesen Ausdruck für einen Kassettenrecorder verwandte? (Es geht dabei nämlich sicher nicht nur um die Körperform.)
Bitte um Entschuldigung, weil Bertls kleine biologische Ôe-Forschung wirklich nicht zur Tankomanie gehört. Ferner wiederhole ich, daß ich Nora Bierich mit ihrer Übersotz mit tiefer Verbuig bewundere. Manchmal wünscht man sich als Zoologe halt trotzdem, um etwas gefragt zu werden, was sonst warlk nahezu niemand wissen kann.

Berthold

Nur noch den Satz aus 'Tagame', der nur dann verstalnd ist, wenn das Tier richtig übersetzt wird. Käfer kann sich niemand beiderseits auf die Ohren (beidseitig an den Kopf) klemmen:
"Goro hatte diesen altmodischen Kassettenrekorder, als er noch Schauspieler war, bei Werbefilmaufnahmen von einem Elektrogerätehersteller geschenkt bekommen. Der Korpus besaß eine ganz gewöhnliche Quaderform, und auch das Design war mittelmäßig und unauffällig, die Kopfhörer aber erinnerten ihn an die Schildkäfer, die er als Kind, als er in den Wäldern lebte, im Bergbach gefangen hatte. Als er sie zum ersten Mal aufsetzte, hatte er das Gefühl, als klemme er sich einen dieser völlig nutzlosen Käfer beidseitig an den Kopf."
Guten Abend!
Der Berthold
P.S.: Das Korpus


Agricola

#11
Zitat von: Berthold am 2006-07-25, 21:52:30
Aber - gerade jetzt stell ich doch die Frage - weißt Du, welches Tier ein 'Tagame' wirklich ist? 'Schildkäfer', wie's Tausende von Lesern des Nobelpreisträgers zu wissen glauben, gilt nicht. (Wie man jenes Tier ins Deutsche übersetzen soll, ist freilich eine schwierige Frage.)
http://ja.wikipedia.org/wiki/%E3%82%BF%E3%82%AC%E3%83%A1
Mit Abbildung und lateinischem Namen.
"Lethocerus griseus" ist es also. Den Rest muss ich Dir überlassen.
Leider muss ich gestehen, nichts von Oe Kenzaburo gelesen zu haben. Ich finde aber im japanischen Web u.a. "Tagame sind die Kopfhörer eines Kassettenrecorders vom alten Typ. Sie werden so genannt, weil sie der Tagame ähnlich sehen."

P.S. oder Lethocerus deyrollei. Weiß jetzt auch nicht, welches von beiden richtig ist.
The future lies in front of me,
but "lies" is all that I can see.

Berthold

#12
Das ist nahezu richtig. Ich meine Lethocerus deyrolli (Belostomatidae). (Hab auch selbst schon mit den Hiragana-Zeichen nachgeschoen.) Früher wußte ich - über das Chinesische - auch die Kanji. Da gibt es eine Verband zur später vorkommenden 'Suppenschildkröte' ('suppon'), die eine Weichschildkröte (Trionyx - oder Pelodiscus - sinensis) ist.
Ich kenne die Raubwanze sogar aus einem Insektenbuch für japanische SchülerInnen. Es handelt sich offenbar um ein sehr bekanntes Insekt. Die beiden Fangbeine erinnern an altertümliche Kopfhörer. Auf Deutsch ginge, da die Schildwanzen (Scutelleridae) und die Grundwanze (Aphelocheirus aestivalis) schon vergeben sind und die Raubwanze zu allgemein ist, vielleicht 'Fangwanze' (wegen der Kopfhörer; Name leider mit einigen Reduviidae verbunden) - oder besser noch 'Lauerwanze' (weil der eine 'Held' des Romans vom Inhalt der Kassetten gleichsam belauert wird.) Mit der 'Lauerwanze' wäre auch ein altes Mörike-Wort frisch verwonden.
Jetzt aber! Verzeiht mir!  

Berthold

Zitat von: Agricola am 2006-07-25, 22:08:15
P.S. oder Lethocerus deyrollei. Weiß jetzt auch nicht, welches von beiden richtig ist.
Ich glaube L. deyrolli. Ohne gröbere 'Röschersche' meine ich, daß der Forscher Deyroll, nicht Deyrolle, hieß.
Doch nun: Ab in mein Stammcafé!

AmelieZapf

#14
Lieber Berthold,

Zitat von: Berthold am 2006-07-25, 18:39:35
Hier soll nur ja nicht der Eindruck entstehen, ich hätte damals Verse auch auf Altgriechisch geschrieben.

Glückwunsch zu Deinen graecophilen Versen. Sehr schön! Ich möchte hier noch eines Metrums Angedenken hochhalten und seine neuerliche Anwendung ausdrücklich anempfehlen, es ist das galliambische, aus Catulli "Super alta vectus Attis celeri rate maria pp." Es ist m.A.n. das denkbar dramatischste. Es iert in der Regel so Funktion (v=Kürze, -=Länge, x=anceps, |=caesura):

vv-v-v-- | vv-vvvvx

Die vier bis fünf Kürzen am Ende sorgen für Stretti. Catull schreibt damit eine hochdramatische Tour de force mit über 100 Zeilen, die nur in einer Zeile eine Pause gönnt, indem sie Kürzen zu Längen fusioniert:

iam iam dolet, quod egi, | iam iamque paenitet.

Diesen Rhythmus hatte ich mal zu einem Perkussionsmuster arverbitten, über welches ich dann einen gewissermaßen "perfide heidnischen Gospel" legte (wegen des religiösen Gedichtinhalts, der teilweise ins Drastische geht: rituelle Selbstkastration von Attis, danach erscheint er weiblich: Itaque ut relicta sensit sibi membra sine viro / etiam recente terrae sola sanguine maculans / niveis cepit citata manibus leve typanum / typanum tuum Cybebe, tua, mater initia / quatiensque terga taurum teneris cava digitis / canere haec suis adorta est tremebunda comitibus. Sehr frühes Transgender). Das Ganze wurde 2004 für Nagel-Heyer Records aus Hamburg mitgeschnitten, die es dann doch nicht öffentverlachen, da zwar gut, aber unverkaulf :-( Ich halte es rein künstlerisch immer noch für eine meiner besten Kompositionen -- kann sie ja bei der nächsten PerVers mal zum besten geben.

Grüße,

Amy
Religion heute:
Ex oriente deus,
ex machina lux.